Ich bin der Urheber
In diesen Tagen nennen sich viele Urheber. Ihre ohne Verstand aneinandergereihten Worte verschandeln das reine Weiß von Papier.
Ihr sinnbefreites Geplapper in Talkshows hat weniger intellektuelle Tiefe als das Muhen einer Kuh.
Doch sie nennen sich Urheber und melden sich zu Wort.
Aber ich, der Urheber, sage euch:
Ihr sollt das Wort Urheber nicht missbrauchen.
Die sich Urheber nennen sind von Angst erfüllt. Sie fürchten sich vor den Bewohnern des großen Netzes.
Sie sehen in den Bewohnern des großen Netzes Diebe und Betrüger. Menschen, die nicht wie die Urheber im Schweiß ihres Angesichts große Werke schaffen, sondern lieber im Netz surfen auf der Suche nach seichter Unterhaltung. Die auf jeden Link klicken, der Nacktheit und Sex verspricht, ohne dafür zu bezahlen. Die in Netzwerken die Fotos der Urheber posten, ohne dafür zu bezahlen. Die die Musik der Urheber hören, ohne dafür zu bezahlen. Die die Werke der Urheber kopieren, ohne dafür zu bezahlen. Die das Heilige Recht der Urheber schänden, die dann in Foren oder Rezensionen unter kryptischen Namen wie userx2654 die Urheber mit Häme und Spott überziehen und auch dafür bezahlen sie nicht.
Und wenn sie nicht im großen Netz unterwegs, warten sie in dunklen Ecken der Stadt darauf, dass ein Urheber vorbekommt. Und pissen ihn an. Und nicht mal dafür zahlen sie.
Die sich Urheber nennen, halten die Bewohnter des großen Netzes für geizig und gierig.
Ich, der Urheber, aber sage euch:
Ihr sollt die Bewohner des Netzes lieben und respektieren wie euch selbst.
Der Urheber glaubt an die Bewohner des großen Netzes. Und er glaubt, dass sie die Forderungen des Urhebers unterstützen.
Hier sind die echten und wahren Forderungen des Urhebers:
- Ein Urheber muss mindestens 30 Prozent des Nettoverkaufspreises eines Buchs oder eines Musikstücks erhalten.
- Bei einem E-Book muss der Urheber 40 Prozent erhalten.
- Buy-Out-Verträge sind sittenwidrig und müssen verboten werden.
- Der Vertrag zwischen einem Urheber und einem Verwerter ist immer zeitlich befristet. Die maximale Vertragslaufzeit beträgt 5 Jahre, danach muss neu verhandelt werden.
- Der Urheber lehnt jegliche Überwachung des Internetverkehrs ab. Das große Netz muss frei bleiben.
Ich bin der Urheber und habe diesen Text geschrieben. Jeder darf dieses Werk lesen und es kopieren als Quelle der Freude und des Entzückens. Jeder darf daraus zitieren, wenn er denn den Urheber nennt, den einzigen Schöpfer dieses Werkes.
Briefe, die nie geschrieben wurden: Thomas Gottschalk bewirbt sich als Bundespräsident.
Liebe Bundeskanzlerin Angela Merkel,
hiermit möchte ich mich für das Amt des Bundespräsidenten bewerben.
Ich weiß, Joachim Gauck soll es werden. Aber noch ist es nicht zu spät für eine andere Entscheidung. Lassen Sie mich Ihnen meine Argumente darlegen, und Sie werden wie ich der Meinung sein, dass es keinen besseren Kandidaten für diese wichtige Aufgabe gibt.
Mein wichtigstes Argument: meine Haare.
Können Sie sich an einen Bundespräsidenten erinnern, der so schöne Haare hatte wie ich sie habe? Eine jugendliche dynamische Frisur, die sicher auch bei den weiblichen Staatsbürgern gut ankommt und dem Amt neue Frische und Impulse gibt.
Christian Wulff brauchte eine hübsche Frau, um zwischen all der Hässlichkeit der Politik einen Kontrapunkt zu setzen. Mit meinen schönen Haaren habe ich das nicht nötig.
Wenn Sie einwenden, dass meine Frisur bei längeren Auslandsaufenthalten und der schwierigen Arbeit als Politiker leiden und dabei aussehen könnte wie ein zerfranster Topflappen, so kann ich sie beruhigen. Egal, ob ich mit dem Emir in Katar ein Kamelrennen mache oder eine flotte Runde mit Benedikt in seinem Papamobil drehe. Meine blonden Locken sitzen immer perfekt.
Auch werden Sie in mir einen unbestechlichen und aufrechten Vertreter des Amtes finden. Ein kleines Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit. Als mir meine bezaubernde Ex-Assistentin Michelle Hunziker kürzlich Haribo-Gummibärchen mitbrachte, lehnte ich sofort ab.
Es war hart für mich, aber ich sagte ihr, dass ich als zukünftiger Bundespräsident keine Gummibärchen annehmen könne. Von niemandem.
Seitdem habe ich immer selber Gummibärchen bei mir, dass ich nicht in Versuchung komme.
Ein weiteres wichtiges Argument: Ich bin beliebt.
Bei einer Umfrage eines Internetmagazins, wer der beliebteste Deutsche sei, lag ich weit vor Lothar Matthäus und sogar Franz Beckenbauer konnte ich auf die Plätze verweisen.
Auf diese meine Beliebtheit zähle ich so sehr, dass ich bereit bin, eine Wette einzugehen.
Wetten, dass ich schon im ersten Wahlgang die erforderlichen Stimmen bekomme.
Wenn nicht, bin ich bereit, ein Schweigegelübde für drei Monate abzulegen und in irgendein Kloster zu irgendwelchen schweigenden Mönchen zu ziehen.
Wer mich kennt, der weiß, wie hart das für mich ist. Wo ich doch den ganzen Tag plappere und plappere und plappere. Egal, ob mir jemand zuhört oder nicht, ob es Sinn hat oder nicht, ich plappere.
Aber ich bin bereit, diese riskante Wette einzugehen. Topp, die Wette gilt.
Falls Sie immer noch Zweifel haben, möchte ich Sie mit den folgenden Worten ausräumen.
Ich habe in den letzten Wochen genau studiert, was die Aufgaben eines Bundespräsidenten sind. Meiner Meinung bestehen diese hauptsächlich in den folgenden Tätigkeiten:
- reden mit anderen wichtigen Menschen
- sich fotografieren lassen
- mit der französischen First Lady scherzen, wer die schöneren Haare hat
- essen mit anderen wichtigen Menschen
- das Kleid der First Lady von Amerika loben
- aufpassen, dass der Präsident aus Griechenland nicht das ganze Tafelsilber klaut
- Orden verleihen
- wichtige Dokumente unterschreiben
- in die Kamera lächeln
- mit dem französischen Präsidenten Sarkozy im Spaß darüber streiten, wer die längere Nase hat (ich natürlich!)
- Reden halten
- sich über freche Journalisten ärgern.
Bei all diesen Aufgaben wird mir meine frühere Tätigkeit im Fernsehen zu Hilfe kommen.
Vor allem beim Unterschreiben von wichtigen Dokumenten wird sich meine jahrelange Erfahrung auszahlen. Ich musste so viele Autogramme geben, dass Sie in der Kunst des Unterzeichnens nur schwerlich einen Besseren finden werden. Und ich möchte behaupten, dass durch die jahrelange Übung meine Unterschrift eine Eleganz und Schönheit besitzt, die jedes Gesetzesdokument ästhetisch stark aufwerten wird.
Haben Sie noch Zweifel? Hier sind weitere wichtige Argumente:
- Meine neue Show hat lausige Quoten und ich brauche eine neue Aufgabe.
- Bisher hatten die Bundespräsidenten immer graue, braune oder weiße Haare. Jetzt ist endlich mal ein Blondierter dran.
- Ich wette, ich kann viel besser singen als Walter Scheel.
Ich hoffe, Sie sind nun überzeugt. Über eine Einladung zu einem Gespräch freue ich mich. (Ich bringe auch Gummibärchen mit.)
Ihr Thomas Gottschalk
Lesung: Der Krimi Todesfinal im Kulturladen Nord
Am Mittwoch 15. Februar 20.00 Uhr stelle ich meinen Krimi Todesfinal im Nürnberger Kulturladen Nord vor.
Der Trailer für den Krimi ist jetzt auch auf YouTube zu sehen:
http://youtu.be/gzsODinwjMcBriefe, die nie geschrieben wurden: der Bundespräsident an Bild-Chefredakteur Kai Diekmann.
Lieber Kai Diekmann,
ich schreibe diesen Brief in großer Erregung. Ich habe kaum Zeit, gleich kommt das Diplomatische Corps und eben hat der Emir angerufen, immer wieder der Emir.
Aber ich muss mir diese fünf Minuten nehmen, um Ihnen zu schreiben.
In den letzten Tagen habe ich oft darüber nachgedacht, wie es so weit kommen konnte.
Was für eine wunderbare Freundschaft verband uns am Anfang. Sogar dasselbe Vorbild hatten wir: Karl-Theoder zu Guttenberg.
Ich wählte meine Brillen aus nach seinem Bilde. Und Ihr ölig gewelltes Haar glänzte in der Sonne, als hätten Sie Guttenbergs letzte Haargelvorräte geklaut.
Doch damals gab es schon die ersten Warnungen von Besserwissern:
"Wer mit der Bild in die Bar geht, versäuft sein ganzes Hirn."
"Wer mit der Bild ins Bett steigt, hat noch nie ein Hirn besessen."
"Wer dann noch mit der Bild frühstückt, verdient auch kein Hirn."
So haben sie geredet. Und ich habe die Gefahr nicht gesehen, ich ließ mich blenden vom Glanz Ihrer schwarzen Haare.
Bis es diesen verhängnisvollen Anruf gab. Ich war in Kuwait, Sie in New York, wir beide fern der Heimat.
Ich musste gleich zum Emir. Der Emir wartet, rief Bettina aus dem Nebenzimmer und ich, das Staatsoberhaupt, hoffte so sehr, dass Sie abnehmen und nicht die kalte gefühllose Stimme der Mailbox ertönen würde.
Doch mein Hoffen war umsonst.
Ich muss gleich zum Emir, rief ich in den Hörer. Was ich weiter sagte, ich weiß es nicht mehr. Mein Herz floss über. Ich, das Staatsoberhaupt, kannte mich nicht mehr.
Können Sie sich meine Situation vergegenwärtigen? Die Hitze, die Termine, im Nebenzimmer Bettina, und der Emir wartete und wartete. Die Enttäuschung ließ mich alles vergessen, Wut auf Sie und Ihre Journalistenkollegen überwältigte mich.
Als ich später dem Emir von dem unseligen Anruf erzählte, fragte er, warum ich als Staatsoberhaupt Journalisten wie Sie nicht einfach den Krokodilen zum Fraß vorwerfen würde.
So viele Krokodile haben wir nicht in Deutschland, antwortete ich verzweifelt. Außerdem gibt es die Pressefreiheit in Deutschland, ein hohes Gut, sagte ich leise. Krokodile waren keine Lösung.
Welche Enttäuschung, als ich erfuhr, dass Sie meine vertraulichen Worte, meine im Übermaß der Gefühle gesprochenen Sätze Ihren Kollegen erzählten. Und die Zeitungen druckten Auszüge meines Anrufs, verdrehten die Worte, behaupteten Ungeheuerliches.
Und wieder musste ich mir vorwurfsvolle Sätze von Besserwissern anhören:
"Wer mit der Bild Aufzug fährt, landet immer im Keller."
Warum mussten sie nur recht behalten?
Lieber Kai Diekmann, ich muss mich beeilen, gleich kommt das Diplomatische Corps. Und der Emir hat schon wieder angerufen. Er will mir zwanzig Krokodile für die Journalisten ins Schloss Bellevue schicken.
Ich muss ihm noch sagen, dass wir hier auf dem Schloss gar keinen Platz für Krokodile haben. Denn Bettina braucht den ganzen Platz für ihre Kleider.
Könnten wir, Sie und ich, doch nur unter vier Augen sprechen, von Staatsoberhaupt zu Journalist, und die ganzen Missverständnisse ausräumen.
Kommen Sie vorbei auf einen Besuch, Sie sind jederzeit willkommen. Und machen Sie sich keine Sorgen, dass Sie Übernachtungsgeld zahlen müssen. Sie wohnen hier auf Kosten Deutschlands. Doch jetzt muss ich schließen, der Emir wartet auf meinen Anruf.
Mit den herzlichsten Grüßen
Ihr Staatsoberhaupt Christian Wulff
Der Krimi 'Todesfinal' ist im Handel.
Mein Krimi Todesfinal ist jetzt im Sutton Verlag erschienen.
Nähere Informationen auf der Homepage des Sutton Verlags.
Der Schlaf des Schmetterlings im Kindle-Shop auf amazon
1
Etwas hat sich verändert. Ich trommle unruhig mit den Fingern auf der Armlehne meines Sitzes. Alles ist still. Da ist nur das gleichmäßige Rattern des Zuges. Ich bin allein. Der Mann, dieser seltsame Südamerikaner ist nach draußen gegangen. Er hat mir seinen Namen genannt. Er ist hereingekommen, hat eine leichte Verbeugung gemacht und sich vorgestellt.
„Mein Name ist Pedro Rodríguez", hat er gesagt. Ich weiß nicht, warum er seinen Namen genannt hat. Mich interessiert das nicht. Ich möchte auch kein Gespräch. Ich will hier nur sitzen und fahren und nicht reden.
Der Fremde hat seine Zeitung liegenlassen. Ich nehme sie, ein Papier fällt heraus. Ich hebe es auf. Auf dem Papier ist eine Zeichnung. Augen in einem Kopf. Viele Augen. Vom Kopf erkennt man nur die Umrisse. Ein weißer Vogel fliegt durch den Kopf. Am Halsansatz ist eine Hand zu erkennen. Eine offene Hand, die fordernd ausgestreckt ist. Die Augen fangen an, sich zu bewegen, flackern unruhig.
Was soll die Zeichnung bedeuten? Vielleicht ein Symbol. Ich habe diese Zeichnung schon einmal gesehen, aber ich kann mich nicht erinnern.
Der Zug wird langsamer und hält. Ich öffne das Fenster. Ein kleiner Bahnhof. Links ein Kiosk, in der Mitte das Bahnhofsgebäude. Eine Schwenktür bewegt sich noch. Eben ist jemand nach drinnen gegangen, die Türangel quietscht ein wenig, aber sonst ist nichts zu hören. Der Bahnsteig ist leer.
Der Zug fährt weiter. Ich schließe das Fenster und setze mich. Etwas hat sich verändert. Warum war dieser Bahnhof leer? Niemand war zu sehen. Ich werde unruhig, höre nach draußen. Nichts, nur das Rattern des Zuges. Dieses Rattern macht mich noch verrückt. Es ist lauter geworden, wird immer lauter.
Der Zug fährt viel zu schnell. Er rast durch die Landschaft, stampft über die Gleise wie ein wildes, riesiges Tier.
Ich gehe hinaus. Etwas hat sich verändert. Der Gang ist leer. Als ich eingestiegen bin, war dieser Zug voll, die Menschen standen auf den Gängen, sie sahen müde aus. Aber jetzt ist niemand da. Ich schaue in das nächste Abteil. Es ist leer. Ich gehe weiter. Es ist mühsam, durch den Gang zu gehen. Der Zug fährt viel zu schnell. Man muß dem Zugführer sagen, daß er zu schnell ist, viel zu schnell.
Etwas hat sich verändert. Ich spüre, wie mein Herz pocht, wie ein ängstlicher Vogel in einem Käfig aus Rippen pocht mein Herz. Ich sage mir, das muß ein Traum sein, das ist nicht wahr, du mußt nur aufwachen, dann ist alles vorbei. Aber ich wache nicht auf. Ich gehe weiter, an den Abteilen vorbei. Sie sind leer. Niemand ist zu sehen, niemand scheint in diesem verdammten Zug zu sein, der immer schneller durch die Landschaft rast, und das ohrenbetäubende Rattern dröhnt durch die Abteile. Ich fange an zu schwitzen, ich spüre Schweiß auf meiner Stirn, kleine feine Schweißperlen. Ich habe Angst. Angst jagt Adrenalin in die Blutbahn und mein Herz pocht und hüpft wie ein ängstlicher Vogel in einem Käfig. Aber das ist nur ein Traum. Ich weiß, daß das ein Traum ist. Ich muß nur aufwachen, dann ist alles vorbei.
Auf einmal ist es dunkel. Der Zug fährt durch einen Tunnel. Ich muß aufwachen. Ich sage mir, daß ich aufwachen muß, aber es hat sich etwas verändert.
Dann ist es hell, und ich kann sie sehen. Eine Frau steht hinter der Glastür, die in den nächsten Wagen führt. Ich sehe nur ihr Gesicht. Es bewegt sich unruhig, hüpft wie ein Luftballon hin und her. Die Frau starrt mich mit großen Augen an. Sie ist ganz nah. Ich sehe, wie sie die Lippen bewegt, aber ich kann nichts hören. Es ist zu laut, der Zug ist viel zu schnell. Jemand muß zum Zugführer gehen. Jemand muß ihm sagen, daß alles nur ein Traum ist, und daß er anhalten muß. Die Frau steht immer noch vor mir. Die Augen sind groß, und sie sind voller Angst. Sie sagt etwas, aber ich kann nichts verstehen. Ich sehe nur die Angst. Die Augen werden starr, es ist, als ob alles Leben darin erlischt, das Gesicht geht ein wie ein Luftballon, dem die Luft ausgeht, und mein Herz hüpft in meiner Brust wie ein ängstlicher Vogel in einem Käfig.
Aber das ist ein Traum. Alles ist nicht wahr, auch das Blut, das gegen die Scheibe spritzt, dort eine Spur hinterläßt und langsam nach unten rinnt. Dann sehe ich ihn. Er steht hinter der Frau, die jetzt am Boden liegt. Er hat eine Pistole in der Hand. Er hat die Frau erschossen. Ich kenne ihn, er war in meinem Abteil und hat sich vorgestellt, er heißt Pedro Rodríguez. Aber es gibt keinen Pedro Rodríguez, ich weiß es und habe alles schon längst vergessen. Der Mann kommt auf mich zu. Er lächelt. Ich muß hier weg, ich muß endlich aufwachen, um zu sehen, daß alles nur ein Traum ist, daß alles nicht wahr ist, doch es ist, als wäre ich gelähmt, ich kann mich nicht bewegen, alles geht so langsam.
Etwas hat sich verändert. Der Mann kommt auf mich zu und lächelt. Ich weiß, daß er mich töten wird. Er wird mich töten, wenn ich nicht endlich aufwache, aber ich wache nicht auf, und der Mann kommt immer näher und ich warte, ich warte und sehe, daß er lächelt. Er lächelt, und dann drückt er ab.
Der Schuß katapultierte mich in die Wirklichkeit meines Schlafzimmers. Ich saß aufrecht im Bett und starrte gegen eine Wand aus Dunkelheit. Für einen Augenblick war alles ausgelöscht.
Ich hatte vergessen, wer ich war, wo ich mich befand, da war noch das ohrenbetäubende Rattern des Zuges und vor mir Dunkelheit. Dann löste sich der Nebel, und alles stand wieder klar vor meinen Augen. Ich habe wieder geträumt. Ich liege in meinem Schlafzimmer. Ich bin allein. Ich heiße Jochen Balko und bin Journalist. Heute ist Freitag, der 22. Juli. Ich starrte auf die Digitaluhr meines Videorecorders. Es war vier Uhr morgens.
Um vier Uhr morgens erscheint alles unwirklich und fremd. Die Selbstmörder wetzen ihre Messer und träumen vom großen Abschied. Um vier Uhr morgens ist es leicht zu sterben.
Ich wälzte mich aus dem Bett und ging in die Küche. Ich wußte, daß ich nicht mehr schlafen würde. Es war immer so gewesen die letzten Wochen. Jedesmal derselbe Traum, jedesmal dieser Schuß, das Gesicht und dieser Mann mit Namen Pedro Rodríguez. Aber ich kenne keinen Rodríguez. Ich habe den Namen noch nie gehört, und es hat keinen Sinn, darüber zu grübeln, wie ich es seit Tagen mache. Es hat keinen Sinn.
Ich öffnete den Kühlschrank, aber ich hatte vergessen, Bier kaltzustellen. Der Kasten stand auf dem Balkon. Das Bier war fast lauwarm, es kühlte einfach nicht ab in diesen Nächten, aber ich öffnete eine Flasche und trank. Ich setzte mich auf den Gartenstuhl und rieb meine brennenden Augen. Es begann zu dämmern. Mein Balkon führte auf einen Hinterhof, der von einer mannsgroßen Mauer eingezäunt wurde. Dahinter war ein kleiner Park. Er hatte die Form eines Vierecks. Rechts und links wurde er von großen Häuserblocks begrenzt. Die Fenster waren alle dunkel, nur in einer Wohnung rechts von mir im zweiten Stock brannte noch Licht. Die Rolläden waren nicht heruntergelassen, so daß ich direkt in das Zimmer sehen konnte. In einer Ecke leuchtete der Bildschirm eines Computers. Dahinter saß ein Mann und tippte etwas ein.
Ich lehnte mich zurück und schloß die Augen. Es war ganz still hier. Alle schliefen, außer mir und dem Mann am Computer. Ich versuchte, mich zu beruhigen, mein Herz pochte immer noch heftig und meine Kehle war wie ausgedörrt. Vier Uhr morgens ist eine beschissene Zeit.
Interview auf Zauberspiegel Online
Heute ist ein Interview mit mir auf Zauberspiegel Online erschienen. Es geht um die Heftromanreihe Tommy-Gun. Die Tommy-Gun Romane sind Detektivgeschichten aus dem Chicago der 1920er Jahre. Sie erschienen vor zwei Jahren als Ebooks im vph-Verlag. Im August werden sie von dem Verlag Romantruhe als Printausgaben wieder aufgelegt. Gleichzeitig erscheinen sie auch auf dem Kindle-Shop von amazon.
Außer mir schreiben für die Reihe Manfred Köhler und Harald Jacobsen. Harald Jacobsen ist auch der Erfinder von Tommy Gun, er hat die Heftreihe entwickelt.
Im August erscheint der erste Band der Reihe 'Leiche an Bord', den Harald Jacobsen geschrieben hat.
'10000 Dollar Teddy', mein erster Band der Reihe, erscheint im Dezember.
Der Tarnkappeneffekt
Sabine ist es zuerst aufgefallen. Sie habe das Gefühl, sagte sie, unser Freund Hartmut sehe bei jedem Treffen ein wenig kleiner aus, wie wenn er eingegangen wäre. Doch wir nahmen das nicht weiter ernst.
Eines Tages saß ich mit Hartmut in einem Restaurant. Immer wieder versuchte er, eine Bestellung aufzugeben. Aber die Bedienung übersah ihn jedesmal.
"Komisch", sagte Hartmut. "So geht es mir in letzter Zeit dauernd."
Ich sah ihn fragend an.
"Ich habe das Gefühl", sagte er, "als würden mich die Leute immer weniger bemerken, als würde mich jeder übersehen."
"Du bist einfach ein unscheinbarer Typ", sagte ich.
"Versuch es mit auffälliger Garderobe. Lass dir eine Glatze schneiden. Das fällt immer auf."
Ich wollte einen Witz machen, doch am nächsten Morgen kam Hartmut mit einem Irokesenschnitt.
"Es hat niemand bemerkt", sagte er enttäuscht.
"Was?", fragte ich.
"Na, meine neue Frisur."
"Ach, so", sagte ich.
Ich sprach mit Sabine über Hartmuts Probleme.
"Das ist der Tarnkappeneffekt", sagte Sabine. "Es ist wie ein Virus. Du hast das Gefühl, als würde dich niemand wahrnehmen. Zum Schluss ist es so, als wärst du gar nicht da."
"So ein Unsinn", sagte ich.
Sabine zuckte die Schultern.
Zufällig traf ich Hartmut auf der Straße. Ich bemerkte, wie er sich immer wieder im Schaufenster betrachtete.
"Bist du so eitel geworden, Hartmut?", fragte ich.
Hartmut erschrak. "Eine dumme Angewohnheit", sagte er. "Aber ich hab das Gefühl, ich müsste mich immer wieder im Spiegel vergewissern, dass ich noch da bin."
Ich fragte einen Psychiater nach dem Tarnkappeneffekt.
"Das kommt, weil niemand mehr dem andern wirklich zuhört und ihn wahrnimmt", sagte er. "Jeder ist nur noch mit sich selbst beschäftigt."
Er sehe das jeden Tag in seiner Praxis. Er müsse sich alles anhören, was die Leute redeten, aber wer würde ihm zuhören? Niemand.
Die Zeit verging. Hartmut hatte ich schon lange nicht mehr gesehen.
"Hast du mal wieder etwas von Hartmut gehört?", fragte ich Sabine.
Sabine sah mich verwundert an. "Hartmut", überlegte sie angestrengt. "Welcher Hartmut?"
Ich fragte nicht weiter. Doch ich musste immer öfter an Hartmut denken.
Eines Tages ging ich in ein Café. Ich wollte etwas bestellen. Es dauerte eine halbe Stunde, bis die Bedienung kam.
"Ich habe Sie schon dreimal gerufen", beschwerte ich mich.
"Ach", sagte sie. "Ich habe Sie gar nicht gesehen."
"Einen Kaffee bitte", sagte ich.
Beunruhigt blickte ich in den Wandspiegel über der Theke. Komisch, irgendwie sah ich so klein darin aus.
Der neue Fernseher
An einem Junitag begann alles. Ich stand in einem Fernsehgeschäft, um mir einen neuen Apparat zu kaufen. Wochen hatte ich dafür gespart. Unschlüssig schlenderte ich durch den Laden. Da fand ich in einer Ecke einen riesigen Fernseher zu einem sensationell günstigen Preis.
"Interaktives Fernsehen", stand darüber. Fragend sah ich den Verkäufer an. "Ich würde von einem Kauf abraten", sagte er.
"Was ist das denn, interaktives Fernsehen?"
Er zuckte die Schultern. "Eine technische Spielerei. Völlig überflüssig."
Ich blickte auf das Gerät. Für mich stand fest: Das war mein neuer Fernseher.
Als ich zahlte, zögerte der Verkäufer. "Wollen Sie nicht doch lieber ein anderes Modell?" Ich bemerkte Schweißtropfen auf seiner Stirn.
"Ich habe mich entschieden", sagte ich.
Bald hatte ich das seltsame Verhalten des Verkäufers vergessen. Mein neuer Fernseher schien ein Glücksgriff zu sein.
Eine phantastische Bildqualität. Was mit interaktivem Fernsehen gemeint sein sollte, blieb mir jedoch ein Rätsel. Nur manchmal hatte ich so ein komisches Gefühl, wenn ich fernsah. Als würde mich jemand beobachten.
Dann klingelte es eines Morgens an der Tür. Ich öffnete und traute meinen Augen nicht. Vor mir stand der berühmte Talkmaster Florian Potter. Ich bat ihn aufgeregt in mein Wohnzimmer. Er setzte sich. Dann sah er auf. "Zwölfmal", sagte er. Ich blickte ihn ratlos an. "Zwölfmal haben Sie gestern gegähnt, als Sie meine Sendung sahen."
"Aber", stotterte ich. "Leugnen Sie es nicht", sagte er. "Ich habe Sie die ganze Zeit beobachtet." Ich schüttelte verwundert den Kopf. Dann blickte ich auf den neuen Fernseher. Langsam begann ich zu begreifen.
An diesem Tag überschlugen sich die Ereignisse. Showmaster und Fernsehstars gaben sich die Klinke in die Hand. Ich erfuhr, dass ich am Abend vorher zwei Sendungen durchgeschnarcht hatte und die übrige Zeit mit einem mißmutigen Gesicht vor dem Apparat gesessen war. Alle redeten mir ins Gewissen. Ich versprach, mich zu bessern.
Ich gab mir alle Mühe, meine neuen Freunde nicht zu enttäuschen. Doch dann änderte sich mein Verhalten auf eine seltsame Weise. Ich wurde launisch. Ich machte Faxen vor dem Bildschirm und schnarchte absichtlich laut, wenn mir eine Sendung nicht gefiel. Ich spürte, welche Macht ich besaß. Wenn Florian Potter auf dem Bildschirm erschien, setzte ich mich mit einer Trillerpfeife vor den Fernseher. "Langweiler", brüllte ich und pfiff ihn aus. Es machte mir einen unbändigen Spaß zu sehen, wie er vor Wut kochte.
Dann klingelte es wieder an meiner Tür. Ich öffnete. Vor mir stand Potter. In der Hand eine Axt. Er stürzte in mein Wohnzimmer und zertrümmerte meinen Fernseher. Als er fertig war, lächelte er zufrieden und ging.
Am nächsten Tag war ich wieder im Fernsehgeschäft. In einer Ecke sah ich einen jungen Mann vor einem Fernsehgerät stehen. Es war das Modell, das auch ich gekauft hatte. Ich wollte ihn warnen. Doch dann sah ich seinen Blick. Ich wußte es. Nichts würde ihn von einem Kauf abhalten.
Worte zum Sonntag
Schöne Worte, gute Rezepte.
Da können wir uns
ein feines Leben backen.
Das schmeckt lecker.
Aber ich bin ein schlechter Koch,
streue Salz in die Wunden.
Zuviel Essig, der alles verdirbt.
Und wir liegen im Bett
mit Magendrücken,
vergeblich hoffend auf ein Rezept,
das auch mir gelingt.



