Die Geliebte
Die Leichtigkeit, wie sie sich ganz entblößt,
Als trüge unter ihr der Boden kein Gewicht,
Als wäre sie allein im Raum, als wäre nicht
Mein Blick. Wie sie die Halter ihrer Strümpfe löst
Und achtlos fallen lässt. Der Zug um ihren Mund,
Wenn sie mich ansieht, der ich mich nach ihr verzehre.
Ihr Lächeln nimmt dem Augenblick die Schwere,
Als gäbe ihre Blöße keinen Grund
Für die Erregung meiner Sinne.
Und der Moment, wenn sie dann endlich
Sich zu mir neigt und legt sich neben mich.
Die Weichheit, die Verhaltenheit in ihrer Stimme,
Als wäre sie erschrocken über ihre Lust,
Als wäre sie sich ihrer Nacktheit kaum bewusst.
Fachmännische Arbeit
Die Handwerker kamen kurz nach Mittag. Der eine war groß und dünn, der andere klein und dick.
"Es ist nur das Licht", sagte ich. "Es funktioniert nicht. Aber an der Glühbirne kann es nicht liegen, die ist neu."
Der Dicke betätigte den Lichtschalter. Nichts. Er kratzte sich am Hinterkopf. "Schwierige Sache", sagte er
"Sehr schwierig", wiederholte der Dünne. Dann ging der Dünne zum Schalter und drückte darauf. Nichts.
"Schwierige Sache", sagte er. "Sehr schwierig", wiederholte der Dicke. Ich wurde ein wenig unruhig.
"Mein Schwager hat gesagt, es wäre wahrscheinlich nur ein kleines Kabel", sagte ich. Der Dicke sah mich an.
"Scheint ja ein richtiger Fachmann zu sein, Ihr Schwager."
Er wandte sich an seinen Kollegen. "Das hatten wir doch schon mal, dass da so ein Schwager rumgestümpert hat", meinte er.
Der Dünne nickte. "War das eine Explosion", sagte er.
"Das Haus ist explodiert?", fragte ich erschrocken.
"Das Haus nicht", sagte der Dicke. "Der Schwager."
Er nahm seine Tasche. "Ja", sagte er. "Da kann ja auch Ihr Schwager kommen und das reparieren."
"Aber ich bitte Sie", sagte ich. "Mein Schwager hat sicher unrecht. Er ist ja auch kein Fachmann."
Die beiden sahen sich kurz an. Dann stellte der Dicke seine Tasche wieder ab.
"Die Sicherungskästen sind im Keller", sagte ich.
Der Dicke ging kurz nach unten, kam dann wieder zurück. Er schüttelte den Kopf.
"Und?", fragte ich. "Wir müssen wahrscheinlich die Wand durchbrechen", sagte der Dicke.
"Die Wand?" Ich wurde bleich. "Ja, wollen Sie jetzt eine fachmännische Arbeit?", fragte er.
"Oder soll doch lieber Ihr Schwager?", ergänzte der Dünne.
"Aber nein", sagte ich. "Wenn es unbedingt nötig ist."
Sie gingen in den Keller. Nach einer halben Stunde hörte ich einen lauten Krach.
"Was ist?", schrie ich nach unten. "Schwierige Sache", hörte ich eine Stimme. "Sehr schwierig", ergänzte eine zweite Stimme.
Dann explodierte etwas. Der Boden unter meinen Füßen erzitterte. Die Wand zur Küche krachte zusammen.
Der Dicke kam aus den Trümmern heraus. Er klopfte sich den Staub ab.
"Sie hatten Glück", sagte er. "Es war nur ein kleines Kabel."
Jetzt kam auch der andere. Er ging zum Schalter und betätigte ihn. Das Licht brannte. Er lächelte mich zufrieden an.
"Sehen Sie, das ist fachmännische Arbeit", sagte er.
Sie packten ihre Sachen. "Die Rechnung schicken wir Ihnen", sagte der Dünne noch. Dann gingen sie.
Das neue Image
Der Weihnachtsmann hatte ein ungutes Gefühl, als er aus dem Fahrstuhl stieg.
Ein neues Image für den Weihnachtsmann. Was hatten die da oben bloß wieder für Einfälle.
"Sehen Sie, „ sagte Jan Kampschulte bei der Begrüßung, "so wie Sie aussehen. Das ist das Problem."
Jan Kampschulte wirkte jung und dynamisch. Der Weihnachtsmann sah ratlos an sich herunter.
"Ein Kerl in einem alten, mottenzerfressenen roten Mantel mit einem Rauschebart", meinte Kampschulte. "Das ist völlig out. Ich stelle mir da etwas ganz anderes vor."
Der Weihnachtsmann blickte auf die Zeichnung, die Kampschulte auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Da stand er, der neue Weihnachtsmann, rasiert, mit einem modernen Kurzhaarschnitt in einem knallengen roten Kostüm.
"Sie haben doch eine prächtige Figur." Kampschulte schlug den Weihnachtsmann leicht gegen die Brust. "Was für ein Brustkasten. Das wollen wir nicht länger hinter einem hässlichen Mantel verstecken."
Der Weihnachtsmann überlegte. Ja, er hatte wirklich ziemliche Muskeln. Das viele Säckeschleppen und die anstrengenden Schlittenfahrten, da setzte man nicht so schnell an. Er war nicht eitel, das nicht. Aber eine schlechte Figur würde er in dem engen Kostüm sicher nicht abgeben.
"Und dazu das passende Fahrzeug." Kampschulte breitete eine zweite Zeichnung vor dem Weihnachtsmann aus. "Das Nikolausmobil".
"Ihr alter Schlitten mit den Rentieren", lächelte Kampschulte. "Das ist doch nicht mehr zeitgemäß."
Der Weihnachtsmann beugte sich über die Zeichnung. Kampschulte stand neben ihm.
"250 PS. In drei Sekunden sind Sie von von 0 auf 100 km/h", flüsterte er ehrfürchtig. "Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie fahren, nein Sie flitzen mit ihrem Nikolausmobil durch die Winterlandschaft und neben Ihnen eine attraktive, junge Dame in engem Minirock und schwarzen Netzstrümpfen."
Der Weihnachtsmann sah erstaunt auf. "Welche junge Dame?" "Na, das Christkind bekommt natürlich auch ein neues Image", meinte Kampschulte, "mehr Sexappeal, ein kurzer Minirock, ein engansitzendes Kostüm. Sie werden ein prächtiges Paar abgeben."
Der Weihnachtsmann stellte sich das Christkind in einem kurzen Minirock vor. Die Idee begann ihm zu gefallen. Sie gefiel ihm sogar sehr gut.
"Was glauben Sie", meinte Kampschulte, "was Sie dieses Jahr für einen Erfolg bei den Kindern haben. Niemand wird Sie mehr einen Weihnachtsgrufti nennen oder einen alten Tattergreis. Sie werden der Star des Jahres sein."
Der Weihnachtsmann blickte nachdenklich auf die Zeichnung. Das hörte sich gut an, was Kampschulte sagte, sehr gut hörte sich das an. Kampschulte lächelte, als er das zufriedene Gesicht des Weihnachtsmannes sah. Dann ging er zurück zu seinem Schreibtisch. Er hinkte leicht.
Irgendwo, dachte der Weihnachtsmann, ist bei der ganzen Geschichte noch ein Pferdefuß. Er wusste nur noch nicht, wo.
Eine deutsche Märchenehe
Es war einmal ein wohlhabender Mann mit Namen Hartmut. Er besaß ein Grundstück mit einem Haus, eine Kreditkarte, einen Geländewagen und ein Ferienhaus in Österreich. Im Osten grenzte an sein Grundstück ein Häuschen mit einem kleinen Garten, das von einer Frau mit Namen Martha bewohnt wurde.
Hartmut liebte diese Frau und ihr Häuschen mit Garten und er warb schon seit Jahren vergeblich um sie. Immer hatte sie sich ihm verweigert, doch an einem Tag im November, als Hartmut schon nicht mehr daran glaubte, fiel eine Mauer zwischen ihnen und Martha willigte in die Heirat ein.
Hartmut war überglücklich. Endlich wuchs zusammen, was schon lange zusammen gehörte. „Wir sind eins", rief er in ihren Armen und sprach jenen verhängnisvollen Satz, für den er sich noch heute am liebsten die Zunge abbeißen würde. „In nichts", sagte er zu Martha, „soll es dir schlechter gehen als vorher, aber in vielen Dingen besser." Und er versprach Martha ein Leben in Glück und Zufriedenheit, mit einer Kreditkarte, einem Geländewagen und einem Ferienhaus in Österreich.
Doch schon bald fielen dunkle Schatten auf das junge Eheglück. Hartmut kamen merkwürdige Dinge aus Marthas Vorleben zu Ohren. Käuflich und leichtlebig sei sie gewesen, so hieß es, und sie hätte außerdem mit zwielichtigen Herren verkehrt, mit Devisenschmugglern, Agenten, Ministerpräsidenten und Mafiosi.
Hartmut wurde schmerzlich bewusst, dass er eine Frau mit Vergangenheit geheiratet hatte. Mehr und mehr wuchs in ihm der Verdacht, dass es vor allem seine Kreditkarte, sein Geländewagen und sein Ferienhaus in Österreich gewesen wären, die sie zu dieser Heirat bewogen hatten. Auch andere Erwartungen Hartmuts wurden enttäuscht. Martha war keine Schönheit gewesen, als Hartmut sie geheiratet hatte Doch er hatte gehofft, dass sie sich mit Hilfe seiner Kreditkarte wandeln würde, dass eine blühende Landschaft entstehen würde, wo vorher graues Einerlei war.
Aber Martha entwickelte sich zu einer nörgelnden Ehefrau mit Migräne, die immer wieder davon sprach, dass es ihr früher gar nicht so schlecht gegangen sei, wo sie zwar keine Kreditkarte besessen hatte, sie aber in Ruhe und Sicherheit gelebt hatte, ohne diesen Stress und die Anforderungen, die die neuen Lebensumstände an sie stellten.
Hartmut fand, dass sie sich gehen ließ. Sie feierte wahre Konsumorgien, wurde dick und unansehnlich. Verschwendungssucht und Undankbarkeit stellte Hartmut bei ihr fest und manchmal war ihm, als blickte er in seelische Abgründe.
„Wer ist diese Frau?", pflegte Hartmut seinen Finanzberater zu fragen. „Ich bin jetzt so viele Jahre mit ihr verheiratet und kenne sie nicht."
Er dachte öfters daran, ob diese Ehe nicht ein Fehler gewesen war, und ob sein Bekannter Oskar nicht Recht gehabt hatte, der vor einer schnellen und überstürzten Verbindung gewarnt hatte. Von Monat zu Monat blickte Hartmut mit einem unbehaglichen Gefühl auf seinen Kontostand, und manchmal hatte er Träume, schreckliche Träume, in dem er sich arm und abgerissen sah und er bei Freunden um Benzin für seinen Geländewagen bitten musste.
Auch Martha hatte sich die Ehe anders vorgestellt. Ihr war es gegangen wie so vielen jungen Frauen. Sie hatte einen großmäuligen Frosch geheiratet in der Hoffnung, dass er sich nach der Heirat in einen wunderschönen Märchenprinzen verwandeln würde.
Ja, Hartmut hatte sich nach der Ehe wirklich verwandelt, nur war er eine noch hässlichere fette Kröte geworden, die selbstzufrieden zu Hause auf dem Sofa saß und immer noch so tat, als wäre er ihr Retter und Erlöser. Am schlimmsten jedoch war seine Besserwisserei. Überall glaubte er, sie bevormunden zu können und behandelte sie wie ein kleines Kind.
Aber weil dies ein deutsches Märchen ist, können sie sich nicht scheiden lassen. Und müssen zusammenleben, bis sie gestorben sind. Mit Kreditkarte, mit einem Geländewagen und einem Ferienhaus in Österreich.
Unvermuteter Hausbesuch
Letzte Woche besuchte mich mein Abgeordneter. Nachdem er in meinem Wohnzimmer Platz genommen hatte, kam er gleich zur Sache. "Nach den letzten Wahlen", erklärte er mir, "haben wir Politiker uns überlegt, dass wir vielleicht wieder den Kontakt zu gewöhnlichen Leuten suchen sollten, dass wir mal einen Hausbesuch machen könnten".
"Hausbesuch?" fragte ich verwirrt. "Ja", antwortete der Abgeordnete. "Ich, Ihr Abgeordneter komme in Ihr Haus, um zu sehen, was für Probleme Sie haben und wo wir Politiker helfen können."
Ich schaute ihn sprachlos an. "Nun und", forderte mich der Abgeordnete auf, "wo fehlt's denn, wo drückt der Schuh?" Er lächelte mir aufmunternd zu.
"Tja", begann ich vorsichtig. "Es ist einfach alles so teuer". Der Abgeordnete schlug sich auf die Schenkel. "Wem sagen Sie das", meinte er. "Es ist wirklich unverschämt, was man heute bezahlen muß, unverschämt, sage ich."
"Ja", fuhr ich fort. "Es wäre ja nicht so schlimm, wenn man auch mehr Lohn kriegen würde." "Genau meine Rede", nickte der Abgeordnete. "Das ist das, was ich seit Jahren sage. Man muss mehr verdienen. Unbedingt."
"Das Problem ist," versuchte ich es nochmal, "dass die Steuer alles auffrisst."
"Da geb ich Ihnen völlig recht," unterbrach er mich. "Man bräuchte ein einfacheres, gerechtes Steuersystem. Aber es ist so schwer, das den Leuten begreiflich zu machen."
"Ja, aber ..." sagte ich. Doch der Abgeordnete ließ mich nicht ausreden. "Das freut mich, dass Sie so frei Ihre Meinung sagen," lächelte er. "Geben Sie uns ruhig ein bisschen Feuer unterm Hintern, uns Politikern. Das schadet uns gar nichts". Ich beschloß, jetzt ganz ehrlich zu sein. "Es ist auch so, dass niemand mehr einem Politiker traut. Weil Sie lügen. Heute sagen Sie das, morgen das." Ich stockte erschrocken. Der Abgeordnete machte ein bekümmertes Gesicht. War ich zu weit gegangen?
Er schwieg lange. "Sehen Sie," sagte er dann, "ich könnte mir auch ein schönes Leben machen, aber die Pflicht! Der einfache Bürger weiß ja gar nicht, was es heißt, Abgeordneter zu sein. Der sieht im Fernsehen, wie der Abgeordnete gerade mit dem Dienstwagen einen Urlaub macht, und der Bürger denkt, der Abgeordnete lebt wie Gott in Frankreich. Aber dass wir uns aufopfern für den Staat, das sieht niemand. Und was ist der Lohn? Die Leute achten den Politiker nicht. Das ist der Lohn."
Er lehnte sich erschöpft zurück. Verstohlen wischte er sich eine Träne aus dem Gesicht. Es dauerte eine Stunde, bis ich meinen Abgeordneten wieder aufgerichtet hatte. Danach stand er auf, um sich zu verabschieden. Plötzlich grinste er und boxte mir freundschaftlich an die Schulter. "Sie haben es mir ja gegeben," meinte er. "Richtig erfrischend war das. Ganz schön Dampf haben Sie mir gemacht, aber gut so, weiter so. Uns Politikern schadet das gar nichts." Dass wir so ein nettes Schwätzchen bald wieder mal halten müßten, hat er noch gemeint, und dann war er schon wieder weg.
Reality-Zapping
Mein Freund Kurt fing damit an. Wenn er mit mir redete, fuchtelte er dauernd mit einem kleinen, schwarzen Gerät vor meiner Nase herum.
"Was hast du denn da?" fragte ich. Kurt lächelte geheimnisvoll.
"Das", sagte er, "ist eine Reality-Fernbedienung. Mit einem Knopfdruck kann ich alles aus meiner Wahrnehmung verschwinden lassen. Wenn mich jemand langweilt oder ärgert, zappe ich ihn einfach weg."
Ich sah unsicher auf seine Fernbedienung. "Und das funktioniert?"
Kurt gähnte. "Deine dummen Fragen beginnen mich zu langweilen."
Er drückte auf einen Knopf und ich saß in meinem Wohnzimmer.
Bald besaßen alle meine Freunde eine Reality-Fernbedienung. Anfangs verweigerte ich mich. "Der Tod jeder ernsthaften Gesprächskultur", schimpfte ich. Leider konnte ich meine Ausführungen nie weiterführen, weil man mich schon lange weggezappt hatte.
Es begann eine schwere Zeit. Wurde ich bei Gesprächen nur einen Moment langweilig, Zapp, weg war ich. Als mich meine Freundin mitten im Beischlaf wegzappte, ging ich wütend zu Kurt. "Diese Reality-Fernbedienung ist wirklich furchtbar", schimpfte ich. "Kaum will ich etwas sagen..." Ich saß wieder in meinem Wohnzimmer. Kurt hatte mich weggezappt. Am nächsten Tag kaufte ich mir auch eine Reality-Fernbedienung.
Nun wurde jede Unterhaltung zu einem Kampf. Wir saßen uns mit gezückten Fernbedienungen gegenüber. Wer den anderen langweilte, war sofort weg. Ich entwickelte großen Ehrgeiz, meinen Gegenüber bei Laune zu halten. Ich lernte Zaubertricks. Dreihundert Witze konnte ich auswendig. Bald war ich berühmt für meinen Charme und galt als glänzender Unterhalter. Doch mich begannen meine Gesprächspartner immer öfter zu langweilen. Die meisten zappte ich weg, kaum dass sie den Mund aufmachten.
Eines Abends saß ein schwarzgekleideter Mann mit bleichem Gesicht in meinem Wohnzimmer. Er hatte eine Fernbedienung bei sich, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Er faselte, dass er der Tod sei, der große Zapper, der alle Programme löscht. Ich richtete meine Fernbedienung auf ihn. "Entschuldigen Sie", sagte ich. "Aber dieses depressive Gerede geht mir auf die Nerven." Ich drückte auf den Knopf. Der Mann war immer noch da. Ich drückte noch einmal. Aber er lachte nur.
Dann richtete er seine Fernbedienung auf mich. Ich begann zu schwitzen. Ich entsann mich meiner Zaubertricks. Meinen ganzen Charme und Witz entfaltete ich. Er hörte amüsiert zu. Er lachte sogar. In einem unbedachten Moment legte er seine Fernbedienung beiseite. Ich schnappte sie mir. Als ich drohte, sie aus dem Fenster zu werfen, versprach er, erst in zwanzig Jahren wiederzukommen. Nachdem er gegangen war, gönnte ich mir einen Schnaps.
Heute lebe ich ohne Fernbedienung. Meine Qualitäten als witziger Plauderer bewahren mich davor, meine Gesprächspartner zu langweilen. Nur wenn ich anfange, von dem schwarzgekleideten Mann zu erzählen, dem großen Zapper, der alle Programme löscht, dann lächeln meine Zuhörer mitleidig. "Diese Geschichte ist einfach zu dumm", sagen sie, richten ihre Fernbedienung auf mich, und zappen mich weg.
Noch betrunken von Hitze und Wein
Noch betrunken von Hitze und Wein
liegen wir im Gras.
Mein Kopf schläft an deinem Schoß
und der Sommer hängt über unseren Bäuchen
mit einem grünen Blatt im Haar.
Und ich denke,
dass das ein gutes Leben ist.
Gut zu leben
an diesem Abend, diesem Ort.
Wenn wir uns nur nicht brechen lassen.
Wenn unser Atem reicht
und unsere Stimme nicht brüchig wird
von Bitterkeit und dem Zorn der kommenden Tage.
Wenn Phantasie nur immer wieder anrennt
gegen Wirklichkeiten
und unsere Träume fallen heraus
und fangen an zu blühn.
Wenn wir uns nur nicht brechen lassen
sehen wir uns wieder.
Wir beide im Gras
und der Sommer hängt über unseren Bäuchen
mit einem grünen Blatt im Haar.
Müllforschung
Das sind Fragen, die den Psychologen Dr. Harmut Winterstein aus Müllhausen bei seinen Forschungen beschäftigten. Eine These von ihm: Das Verhältnis eines Menschen zu seinem Müll sagt viel über seinen Charakter. Dr. Winterstein unterscheidet drei Mülltypen: den Wegwerfer, den Sammler und den Recycler.
Der Wegwerfer, so Winterstein, sieht im Leben Verwesung und Tod. Er glaubt nicht an ein Leben nach dem Tod, beim Menschen genausowenig wie beim Müll. Dass eine alte Coladose, achtlos weggeworfen, als Sardinenbüchse ein glanzvolles Comeback erleben könnte, das kann er sich nicht vorstellen. Für ihn kehrt nie zurück, was einmal auf dem Müll gelandet ist, und alles, was existiert, ist verdammt, ewig in der Müllverbrennungsanlage zu schmoren. Daher wirft er alles weg. Am Anfang war der Müll, und alles wird wieder auf dem riesigen Müllhaufen der Geschichte enden. Auf dass die ganze Welt in Müll ersticke.
Der Sammler dagegen sammelt, was er nur kriegen kann. In seiner Wohnung stapelt sich der Müll. Was er hat, das hat er und lässt er nicht mehr los. Ich sammle, also bin ich, das ist seine Devise. Der Sammler sieht nicht, dass sich ein Ding immer wieder verändern und neu entstehen muss. Denn ein Mensch muss auch loslassen können und dem Weißblech die Chance geben, als Keksdose eine neue Bestimmung zu finden.
Ganz anders der Recycler. Er weiß, dass der Mensch und die Dinge nur Erscheinungsformen einer unvergänglichen Existenz sind. Das Holz des Baumes wird zu Papier, aus diesem wird ein Buch. Dieses Buch landet auf dem Altpapiercontainer, feiert als Recycling-Klopapier eine wundersame Auferstehung und geht schließlich durch die Toilettenspülung den Weg alles Irdischen in die Kläranlage. Und als Klärschlamm und Dünger läßt es wieder einen Baum wachsen und gedeihen. Welch wunderbarer Kreislauf.
Kein Ding, glaubt der Recycler, ist dazu bestimmt, in der Müllverbrennungsanlage ein grausiges Ende zu nehmen. Doch Dr. Wintersteins Forschungen lassen Fragen offen. Warum kann einer mit guter Kinderstube und besten Voraussetzungen zum asozialen Wegwerfer werden, und ein anderer, den frühe Heirat und geregeltes Einkommen schon in jungen Jahren auf die schiefe Bahn gebracht haben, wird doch noch ein verantwortungsvoller Recycler? Fragen, auf die Dr. Winterstein bisher keine Antwort weiß. Doch seine Forschung geht weiter.
Begegnung im Schnellimbiss
Gewiss, die Ähnlichkeit war verblüffend. Der da langsam und mit Genuss ein Döner Kebab aß, war dem Bruno Wasilow wie aus dem Gesicht geschnitten. Gestern noch hatte ich ihn in seiner Paraderolle bewundern können. Als Pfarrer Gottlieb Dorn in der Serie "Mit allen Wassern gewaschen."
Keiner konnte das "Gott sei seiner armen Seele gnädig" so ausdrucksvoll sprechen wie Bruno Wasilow. Keiner. Wie hatte es ihn nur hierher verschlagen?
"Vielleicht", sagte ich zu Heinz, "hat der Bruno Wasilow das Leben als Star gründlich satt. Das dauernde Kaviaressen und den klebrigen Champagner in First-Class-Restaurants." Und da habe er sich inkognito unter die Leute gemischt und sei in einem türkischen Schnellimbiss gelandet.
Aber dann kamen uns Zweifel. Es könnte ja sein, meinte der Heinz, dass das gar nicht der richtige Bruno Wasilow sei, sondern nur ein Double. Da ja alle berühmten Stars Doubles hätten, die den echten Star bei Autogrammstunden, Talkshows und Attentatsversuchen verrückter Fans vertreten würden.
Der Auftritt von Frau Habermaier hat endlich alles aufgeklärt, wenn auch auf sehr tragische Weise. Die Frau Habermaier ist schon an der Tür stehengeblieben, als sie den berühmten Bruno Wasilow gesehen hat. "Meine Güte", hat sie gesagt, "der Bruno Wasilow hier beim Türken."
Der Bruno Wasilow wurde mit einem Schlag ganz bleich. Und die Frau Habermaier konnte sich gar nicht mehr beruhigen. "Nein", hat sie gesagt und hat nach Luft geschnappt, "dass ich das erleben darf. Der Bruno Wasilow."
Die Frau Habermaier musste sich setzen. Ganz rot war sie im Gesicht, hat sich an die Brust gefasst und ist vom Stuhl gekippt. Ein Herzanfall.
Alle sprangen auf und starrten auf die Frau Habermaier, auch der Bruno Wasilow. Und da sind mir wieder Zweifel gekommen. Weil der Bruno Wasilow früher auch schon einen Schönheitschirurgen gespielt hat, und jetzt stand er nur da und schaute dumm.
Aber es zeigte sich, dass die wahre Rolle und Bestimmung von Bruno Wasilow eben der Pfarrer Gottlieb Dorn ist. Denn als der Notarzt bedauernd den Tod festgestellt hatte und dann den Bruno Wasilow um ein Autogramm bat, da hat sich der berühmte Fernsehstar noch einmal über die Tote gebeugt: "Gott sei ihrer armen Seele gnädig", hat er gesagt. Genau wie im Fernsehen, mit dieser Poesie in der Stimme. Und da konnte es auch keinen Zweifel mehr geben, dass das der echte Bruno Wasilow war, was den Heinz und mich wirklich beruhigt hat.
Was wäre das andernfalls für ein Tod gewesen für die Frau Habermaier: Bruno Wasilow sehen, einen Herzschlag kriegen und dann sterben. Und dann hätte sich herausgestellt, dass es nur ein Double war! Das wäre wirklich bitter gewesen.
Planer für den Erfolg
Ich blickte ihn ratlos an. Helmut erklärte mir, dass timeplaner für gestresste Manager und Menschen unter Zeitdruck entwickelt wurden. Ein timeplaner sei natürlich auch ein Terminkalender, aber er sei vor allen ein System, um seine Zeit optimal zu nutzen.
"Der timeplaner," meinte Helmut, "ist die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg. Er macht dich frei für kreative Ideen. Angela Merkel, Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, Dagobert Duck. Sie sind nichts ohne ihren timeplaner."
"Aber ich brauche keinen timeplaner“, entgegnete ich. "Jeder braucht einen timeplaner“, wischte Helmut meinen Einwand beiseite. "Und außerdem wird es Zeit, dass du endlich ein geregeltes Leben in Sicherheit und Wohlstand führst. Und das geht nicht ohne timeplaner."
Was wollte Helmut nur? Ich hatte das beste Leben, das ich mir denken konnte. Ich machte mir keine Gedanken um die Zukunft und lebte in den Tag hinein. Ich war frei und glücklich. Wozu ein timeplaner?
Aber dann erzählte mir Helmut, was man alles mit diesem timeplaner erreichen könne. Eine Villa im Grünen, den Vorsitz im örtlichen Golfclub, und es würde nicht lange dauern, versicherte mir Helmut, da hätte ich die erste Million auf meinem Konto. Ich blickte nachdenklich auf meinen timeplaner.
Abends blätterte ich das Ding misstrauisch durch. Eine Rubrik war für die Ziele des nächsten Jahres. Ich schrieb auf: eine Villa im Grünen, den Vorsitz im Golfclub und mindestens eine Million auf dem Konto. Ich legte mich zufrieden schlafen.
Der timeplaner veränderte mein Leben. Schon bald lobte mein Chef meine Disziplin und Zuverlässigkeit und beförderte mich. Die ersten Erfolge spornten mich an. Jede Stunde nutzte ich, um weiterzukommen. Bald hatte ich alles, was zu einem Leben in Sicherheit und Wohlstand gehört: eine Villa im Grünen, den Vorsitz im Golfclub, eine Versicherung gegen Wasserschäden, eine Versicherung gegen Sturmschäden, einen Sportwagen, eine Versicherung gegen Einbruch und eine Frau, die mich mit meinem Versicherungsvertreter betrog.
Ich konnte nicht mehr aufhören. Meine Villa, meine Frau und die Versicherungspolicen erforderten immer größere Ausgaben. Ich brauchte einen neuen, größeren timeplaner.
Bald zeigten sich erste gesundheitliche Verschleißerscheinungen. Mein Arzt riet mir dringend zu einem längeren Urlaub. Aber der timeplaner beherrschte mein Leben. Ich stand kurz vor dem Herzinfarkt, als das Wunder geschah. Ich verlor meinen timeplaner.
Seitdem habe ich wieder Zeit. Ich lebe ruhig und zufrieden. Fragt man mich nach meinen Zielen für die Zukunft, dann antworte ich, dass nur glücklich ist, wer von allen Wünschen frei ist und keinen timeplaner besitzt.


