Briefe, die nie geschrieben wurden: der Bundespräsident an Bild-Chefredakteur Kai Diekmann.

Lieber Kai Diekmann,

ich schreibe diesen Brief in großer Erregung. Ich habe kaum Zeit, gleich kommt das Diplomatische Corps und eben hat der Emir angerufen, immer wieder der Emir.
Aber ich muss mir diese fünf Minunten nehmen, um Ihnen zu schreiben.

In den letzten Tagen habe ich oft darüber nachgedacht, wie es so weit kommen konnte.
Was für eine wunderbare Freundschaft verband uns am Anfang. Sogar dasselbe Vorbild hatten wir: Karl-Theoder zu Guttenberg.
Ich wählte meine Brillen aus nach seinem Bilde. Und Ihr ölig gewelltes Haar glänzte in der Sonne, als hätten Sie Guttenbergs letzte Haargelvorräte geklaut.

Doch damals gab es schon die ersten Warnungen von Besserwissern:
"Wer mit der Bild in die Bar geht, versäuft sein ganzes Hirn."
"Wer mit der Bild ins Bett steigt, hat noch nie ein Hirn besessen."
"Wer dann noch mit der Bild frühstückt, verdient auch kein Hirn."
So haben sie geredet. Und ich habe die Gefahr nicht gesehen, ich ließ mich blenden vom Glanz Ihrer schwarzen Haare.

Bis es diesen verhängnisvollen Anruf gab. Ich war in Kuwait, Sie in New York, wir beide fern der Heimat.
Ich musste gleich zum Emir. Der Emir wartet, rief Bettina aus dem Nebenzimmer und ich, das Staatsoberhaupt, hoffte so sehr, dass Sie abnehmen und nicht die kalte gefühllose Stimme der Mailbox ertönen würde.
Doch mein Hoffen war umsonst.
Ich muss gleich zum Emir, rief ich in den Hörer. Was ich weiter sagte, ich weiß es nicht mehr. Mein Herz floß über. Ich, das Staatsoberhaupt, kannte mich nicht mehr.

Können Sie sich meine Situation vergegenwärtigen? Die Hitze, die Termine, im Nebenzimmer Bettina, und der Emir wartete und wartete. Die Enttäuschung ließ mich alles vergessen, Wut auf Sie und Ihre Journalistenkollegen überwältigte mich.

Als ich später dem Emir von dem unseligen Anruf erzählte, fragte er, warum ich als Staatsoberhaupt Journalisten wie Sie nicht einfach den Krokodilen zum Fraß vorwerfen würde.
So viele Krokodile haben wir nicht in Deutschland, antwortete ich verzweifelt. Außerdem gibt es die Pressefreiheit in Deutschland, ein hohes Gut, sagte ich leise. Krokodile waren keine Lösung.

Welche Enttäuschung, als ich erfuhr, dass Sie meine vertraulichen Worte, meine im Übermaß der Gefühle gesprochenen Sätze Ihren Kollegen erzählten. Und die Zeitungen druckten Auszüge meines Anrufs, verdrehten die Worte, behaupteten Ungeheuerliches.
Und wieder musste ich mir vorwurfsvolle Sätze von Besserwissern anhören:
"Wer mit der Bild Aufzug fährt, landet immer im Keller."
Warum mussten sie nur recht behalten?

Lieber Kai Diekmann, ich muss mich beeilen, gleich kommt das Diplomatische Corps. Und der Emir hat schon wieder angerufen. Er will mir zwanzig Krokodile für die Journalisten ins Schloss Bellevue schicken.
Ich muss ihm noch sagen, dass wir hier auf dem Schloss gar keinen Platz für Krokodile haben. Denn Bettina braucht den ganzen Platz für ihre Kleider.

Könnten wir, Sie und ich, doch nur unter vier Augen sprechen, von Staatsoberhaupt zu Journalist, und die ganzen Missverständnisse ausräumen.
Kommen Sie vorbei auf einen Besuch, Sie sind jederzeit willkommen. Und machen Sie sich keine Sorgen, dass Sie Übernachtungsgeld zahlen müssen. Sie wohnen hier auf Kosten Deutschlands. Doch jetzt muss ich schließen, der Emir wartet auf meinen Anruf.

Mit den herzlichsten Grüßen
Ihr Staatsoberhaupt Christian Wulff

 

Der Krimi 'Todesfinal' ist im Handel.

Mein Krimi Todesfinal ist jetzt im Sutton Verlag erschienen.

Nähere Informationen auf der Homepage des Sutton Verlags.

default

 

Der Schlaf des Schmetterlings im Kindle-Shop auf amazon

Letzte Woche habe ich meinen Thriller „Der Schlaf des Schmetterlings" im Kindle Shop auf amazon.de veröffentlicht. Der Schlaf des Schmetterlings erschien 1995 im Bastei Lübbe Verlag. Im Jahr 2000 wurde er noch einmal im Verlag der Criminale aufgelegt. Jetzt bin ich froh, dass er weiterhin im Kindle-Shop als E-Book erhältlich ist. Um einen Eindruck von dem Roman zu geben, hier der Anfang:

 

1

Etwas hat sich verändert. Ich trommle unruhig mit den Fingern auf der Armlehne meines Sitzes. Alles ist still. Da ist nur das gleichmäßige Rattern des Zuges. Ich bin allein. Der Mann, dieser seltsame Südamerikaner ist nach draußen gegangen. Er hat mir seinen Namen genannt. Er ist hereingekommen, hat eine leichte Verbeugung gemacht und sich vorgestellt.

„Mein Name ist Pedro Rodríguez", hat er gesagt. Ich weiß nicht, warum er seinen Namen genannt hat. Mich interessiert das nicht. Ich möchte auch kein Gespräch. Ich will hier nur sitzen und fahren und nicht reden.

Der Fremde hat seine Zeitung liegenlassen. Ich nehme sie, ein Papier fällt heraus. Ich hebe es auf. Auf dem Papier ist eine Zeichnung. Augen in einem Kopf. Viele Augen. Vom Kopf erkennt man nur die Umrisse. Ein weißer Vogel fliegt durch den Kopf. Am Halsansatz ist eine Hand zu erkennen. Eine offene Hand, die fordernd ausgestreckt ist. Die Augen fangen an, sich zu bewegen, flackern unruhig.

Was soll die Zeichnung bedeuten? Vielleicht ein Symbol. Ich habe diese Zeichnung schon einmal gesehen, aber ich kann mich nicht erinnern.

Der Zug wird langsamer und hält. Ich öffne das Fenster. Ein kleiner Bahnhof. Links ein Kiosk, in der Mitte das Bahnhofsgebäude. Eine Schwenktür bewegt sich noch. Eben ist jemand nach drinnen gegangen, die Türangel quietscht ein wenig, aber sonst ist nichts zu hören. Der Bahnsteig ist leer.

Der Zug fährt weiter. Ich schließe das Fenster und setze mich. Etwas hat sich verändert. Warum war dieser Bahnhof leer? Niemand war zu sehen. Ich werde unruhig, höre nach draußen. Nichts, nur das Rattern des Zuges. Dieses Rattern macht mich noch verrückt. Es ist lauter geworden, wird immer lauter.

Der Zug fährt viel zu schnell. Er rast durch die Landschaft, stampft über die Gleise wie ein wildes, riesiges Tier.

Ich gehe hinaus. Etwas hat sich verändert. Der Gang ist leer. Als ich eingestiegen bin, war dieser Zug voll, die Menschen standen auf den Gängen, sie sahen müde aus. Aber jetzt ist niemand da. Ich schaue in das nächste Abteil. Es ist leer. Ich gehe weiter. Es ist mühsam, durch den Gang zu gehen. Der Zug fährt viel zu schnell. Man muß dem Zugführer sagen, daß er zu schnell ist, viel zu schnell.

Etwas hat sich verändert. Ich spüre, wie mein Herz pocht, wie ein ängstlicher Vogel in einem Käfig aus Rippen pocht mein Herz. Ich sage mir, das muß ein Traum sein, das ist nicht wahr, du mußt nur aufwachen, dann ist alles vorbei. Aber ich wache nicht auf. Ich gehe weiter, an den Abteilen vorbei. Sie sind leer. Niemand ist zu sehen, niemand scheint in diesem verdammten Zug zu sein, der immer schneller durch die Landschaft rast, und das ohrenbetäubende Rattern dröhnt durch die Abteile. Ich fange an zu schwitzen, ich spüre Schweiß auf meiner Stirn, kleine feine Schweißperlen. Ich habe Angst. Angst jagt Adrenalin in die Blutbahn und mein Herz pocht und hüpft wie ein ängstlicher Vogel in einem Käfig. Aber das ist nur ein Traum. Ich weiß, daß das ein Traum ist. Ich muß nur aufwachen, dann ist alles vorbei.

Auf einmal ist es dunkel. Der Zug fährt durch einen Tunnel. Ich muß aufwachen. Ich sage mir, daß ich aufwachen muß, aber es hat sich etwas verändert.

Dann ist es hell, und ich kann sie sehen. Eine Frau steht hinter der Glastür, die in den nächsten Wagen führt. Ich sehe nur ihr Gesicht. Es bewegt sich unruhig, hüpft wie ein Luftballon hin und her. Die Frau starrt mich mit großen Augen an. Sie ist ganz nah. Ich sehe, wie sie die Lippen bewegt, aber ich kann nichts hören. Es ist zu laut, der Zug ist viel zu schnell. Jemand muß zum Zugführer gehen. Jemand muß ihm sagen, daß alles nur ein Traum ist, und daß er anhalten muß. Die Frau steht immer noch vor mir. Die Augen sind groß, und sie sind voller Angst. Sie sagt etwas, aber ich kann nichts verstehen. Ich sehe nur die Angst. Die Augen werden starr, es ist, als ob alles Leben darin erlischt, das Gesicht geht ein wie ein Luftballon, dem die Luft ausgeht, und mein Herz hüpft in meiner Brust wie ein ängstlicher Vogel in einem Käfig.

Aber das ist ein Traum. Alles ist nicht wahr, auch das Blut, das gegen die Scheibe spritzt, dort eine Spur hinterläßt und langsam nach unten rinnt. Dann sehe ich ihn. Er steht hinter der Frau, die jetzt am Boden liegt. Er hat eine Pistole in der Hand. Er hat die Frau erschossen. Ich kenne ihn, er war in meinem Abteil und hat sich vorgestellt, er heißt Pedro Rodríguez. Aber es gibt keinen Pedro Rodríguez, ich weiß es und habe alles schon längst vergessen. Der Mann kommt auf mich zu. Er lächelt. Ich muß hier weg, ich muß endlich aufwachen, um zu sehen, daß alles nur ein Traum ist, daß alles nicht wahr ist, doch es ist, als wäre ich gelähmt, ich kann mich nicht bewegen, alles geht so langsam.

Etwas hat sich verändert. Der Mann kommt auf mich zu und lächelt. Ich weiß, daß er mich töten wird. Er wird mich töten, wenn ich nicht endlich aufwache, aber ich wache nicht auf, und der Mann kommt immer näher und ich warte, ich warte und sehe, daß er lächelt. Er lächelt, und dann drückt er ab.

Der Schuß katapultierte mich in die Wirklichkeit meines Schlafzimmers. Ich saß aufrecht im Bett und starrte gegen eine Wand aus Dunkelheit. Für einen Augenblick war alles ausgelöscht.

Ich hatte vergessen, wer ich war, wo ich mich befand, da war noch das ohrenbetäubende Rattern des Zuges und vor mir Dunkelheit. Dann löste sich der Nebel, und alles stand wieder klar vor meinen Augen. Ich habe wieder geträumt. Ich liege in meinem Schlafzimmer. Ich bin allein. Ich heiße Jochen Balko und bin Journalist. Heute ist Freitag, der 22. Juli. Ich starrte auf die Digitaluhr meines Videorecorders. Es war vier Uhr morgens.

Um vier Uhr morgens erscheint alles unwirklich und fremd. Die Selbstmörder wetzen ihre Messer und träumen vom großen Abschied. Um vier Uhr morgens ist es leicht zu sterben.

Ich wälzte mich aus dem Bett und ging in die Küche. Ich wußte, daß ich nicht mehr schlafen würde. Es war immer so gewesen die letzten Wochen. Jedesmal derselbe Traum, jedesmal dieser Schuß, das Gesicht und dieser Mann mit Namen Pedro Rodríguez. Aber ich kenne keinen Rodríguez. Ich habe den Namen noch nie gehört, und es hat keinen Sinn, darüber zu grübeln, wie ich es seit Tagen mache. Es hat keinen Sinn.

Ich öffnete den Kühlschrank, aber ich hatte vergessen, Bier kaltzustellen. Der Kasten stand auf dem Balkon. Das Bier war fast lauwarm, es kühlte einfach nicht ab in diesen Nächten, aber ich öffnete eine Flasche und trank. Ich setzte mich auf den Gartenstuhl und rieb meine brennenden Augen. Es begann zu dämmern. Mein Balkon führte auf einen Hinterhof, der von einer mannsgroßen Mauer eingezäunt wurde. Dahinter war ein kleiner Park. Er hatte die Form eines Vierecks. Rechts und links wurde er von großen Häuserblocks begrenzt. Die Fenster waren alle dunkel, nur in einer Wohnung rechts von mir im zweiten Stock brannte noch Licht. Die Rolläden waren nicht heruntergelassen, so daß ich direkt in das Zimmer sehen konnte. In einer Ecke leuchtete der Bildschirm eines Computers. Dahinter saß ein Mann und tippte etwas ein.

Ich lehnte mich zurück und schloß die Augen. Es war ganz still hier. Alle schliefen, außer mir und dem Mann am Computer. Ich versuchte, mich zu beruhigen, mein Herz pochte immer noch heftig und meine Kehle war wie ausgedörrt. Vier Uhr morgens ist eine beschissene Zeit.

 

 

Interview auf Zauberspiegel Online

Heute ist ein Interview mit mir auf Zauberspiegel Online erschienen. Es geht um die Heftromanreihe Tommy-Gun. Die Tommy-Gun Romane sind Detektivgeschichten aus dem Chicago der 1920er Jahre. Sie erschienen vor zwei Jahren als Ebooks im vph-Verlag. Im August werden sie von dem Verlag Romantruhe als Printausgaben wieder aufgelegt. Gleichzeitig erscheinen sie auch auf dem Kindle-Shop von amazon.

Außer mir schreiben für die Reihe Manfred Köhler und Harald Jacobsen. Harald Jacobsen ist auch der Erfinder von Tommy Gun, er hat die Heftreihe entwickelt.

Im August erscheint der erste Band der Reihe 'Leiche an Bord', den Harald Jacobsen geschrieben hat.

'10000 Dollar Teddy', mein erster Band der Reihe, erscheint im Dezember. 

 

Der Tarnkappeneffekt

Sabine ist es zuerst aufgefallen. Sie habe das Gefühl, sagte sie, unser Freund Hartmut sehe bei jedem Treffen ein wenig kleiner aus, wie wenn er eingegangen wäre. Doch wir nahmen das nicht weiter ernst.
Eines Tages saß ich mit Hartmut in einem Restaurant. Immer wieder versuchte er, eine Bestellung aufzugeben. Aber die Bedienung übersah ihn jedesmal.
"Komisch", sagte Hartmut. "So geht es mir in letzter Zeit dauernd."
Ich sah ihn fragend an.
"Ich habe das Gefühl", sagte er, "als würden mich die Leute immer weniger bemerken, als würde mich jeder übersehen."
"Du bist einfach ein unscheinbarer Typ", sagte ich.
"Versuch es mit auffälliger Garderobe. Lass dir eine Glatze schneiden. Das fällt immer auf."

Ich wollte einen Witz machen, doch am nächsten Morgen kam Hartmut mit einem Irokesenschnitt.
"Es hat niemand bemerkt", sagte er enttäuscht.
"Was?", fragte ich.
"Na, meine neue Frisur."
"Ach, so", sagte ich.

Ich sprach mit Sabine über Hartmuts Probleme.
"Das ist der Tarnkappeneffekt", sagte Sabine. "Es ist wie ein Virus. Du hast das Gefühl, als würde dich niemand wahrnehmen. Zum Schluss ist es so, als wärst du gar nicht da."
"So ein Unsinn", sagte ich.
Sabine zuckte die Schultern.

Zufällig traf ich Hartmut auf der Straße. Ich bemerkte, wie er sich immer wieder im Schaufenster betrachtete.
"Bist du so eitel geworden, Hartmut?", fragte ich.
Hartmut erschrak. "Eine dumme Angewohnheit", sagte er. "Aber ich hab das Gefühl, ich müsste mich immer wieder im Spiegel vergewissern, dass ich noch da bin."

Ich fragte einen Psychiater nach dem Tarnkappeneffekt.
"Das kommt, weil niemand mehr dem andern wirklich zuhört und ihn wahrnimmt", sagte er. "Jeder ist nur noch mit sich selbst beschäftigt."
Er sehe das jeden Tag in seiner Praxis. Er müsse sich alles anhören, was die Leute redeten, aber wer würde ihm zuhören? Niemand.

Die Zeit verging. Hartmut hatte ich schon lange nicht mehr gesehen.
"Hast du mal wieder etwas von Hartmut gehört?", fragte ich Sabine.
Sabine sah mich verwundert an. "Hartmut", überlegte sie angestrengt. "Welcher Hartmut?"
Ich fragte nicht weiter. Doch ich musste immer öfter an Hartmut denken.

Eines Tages ging ich in ein Café. Ich wollte etwas bestellen. Es dauerte eine halbe Stunde, bis die Bedienung kam.
"Ich habe Sie schon dreimal gerufen", beschwerte ich mich.
"Ach", sagte sie. "Ich habe Sie gar nicht gesehen."
"Einen Kaffee bitte", sagte ich.
Beunruhigt blickte ich in den Wandspiegel über der Theke. Komisch, irgendwie sah ich so klein darin aus.

 

Der neue Fernseher

An einem Junitag begann alles. Ich stand in einem Fernsehge­schäft, um mir einen neuen Apparat zu kaufen. Wochen hatte ich dafür ge­spart. Un­schlüssig schlenderte ich durch den Laden. Da fand ich in einer Ecke einen riesigen Fernseher zu einem sensationell günstigen Preis.
"Interaktives Fernsehen", stand darüber. Fragend sah ich den Verkäufer an. "Ich würde von einem Kauf abraten", sagte er.
"Was ist das denn, interaktives Fernsehen?"
Er zuckte die Schultern. "Eine technische Spielerei. Völlig überflüssig."
Ich blickte auf das Gerät. Für mich stand fest: Das war mein neuer Fern­seher.

Als ich zahlte, zögerte der Verkäufer. "Wollen Sie nicht doch lie­ber ein anderes Modell?" Ich bemerkte Schweißtropfen auf seiner Stirn.
"Ich habe mich entschieden", sagte ich.

Bald hatte ich das seltsame Verhalten des Verkäufers vergessen. Mein neuer Fernse­her schien ein Glücksgriff zu sein.
Eine phantastische Bildqualität. Was mit interaktivem Fernsehen gemeint sein sollte, blieb mir jedoch ein Rätsel. Nur manchmal hatte ich so ein komisches Gefühl, wenn ich fernsah. Als würde mich jemand beobachten.

Dann klingelte es eines Morgens an der Tür. Ich öffnete und traute meinen Augen nicht. Vor mir stand der berühmte Talkmaster Florian Potter. Ich bat ihn auf­geregt in mein Wohnzimmer. Er setzte sich. Dann sah er auf. "Zwölfmal", sagte er. Ich blickte ihn ratlos an. "Zwölfmal haben Sie gestern gegähnt, als Sie meine Sendung sahen."

"Aber", stotterte ich. "Leugnen Sie es nicht", sagte er. "Ich habe Sie die ganze Zeit beobachtet." Ich schüttelte verwundert den Kopf. Dann blickte ich auf den neuen Fernseher. Langsam begann ich zu begreifen.

An diesem Tag überschlugen sich die Ereignisse. Showmaster und Fernseh­stars gaben sich die Klinke in die Hand. Ich erfuhr, dass ich am Abend vor­her zwei Sendun­gen durchgeschnarcht hatte und die übrige Zeit mit einem mißmutigen Ge­sicht vor dem Apparat gesessen war. Alle redeten mir ins Ge­wissen. Ich versprach, mich zu bessern. 

Ich gab mir alle Mühe, meine neuen Freunde nicht zu enttäuschen. Doch dann änderte sich mein Verhalten auf eine seltsame Weise. Ich wurde launisch. Ich machte Faxen vor dem Bildschirm und schnarchte absichtlich laut, wenn mir eine Sendung nicht gefiel. Ich spürte, welche Macht ich besaß. Wenn Florian Potter auf dem Bildschirm erschien, setzte ich mich mit einer Trillerpfeife vor den Fernseher. "Langweiler", brüllte ich und pfiff ihn aus. Es machte mir einen unbändigen Spaß zu sehen, wie er vor Wut kochte.

Dann klingelte es wieder an meiner Tür. Ich öffnete. Vor mir stand Potter. In der Hand eine Axt. Er stürzte in mein Wohnzimmer und zertrüm­merte mei­nen Fernseher. Als er fertig war, lächelte er zufrieden und ging.

Am nächsten Tag war ich wieder im Fernsehgeschäft. In einer Ecke sah ich einen jungen Mann vor einem Fernsehgerät stehen. Es war das Modell, das auch ich gekauft hatte. Ich wollte ihn warnen. Doch dann sah ich seinen Blick. Ich wußte es. Nichts würde ihn von einem Kauf abhalten.

 

Worte zum Sonntag

Schöne Worte, gute Rezepte.
Da können wir uns
ein feines Leben backen.
Das schmeckt lecker.

Aber ich bin ein schlechter Koch,
streue Salz in die Wunden.
Zuviel Essig, der alles verdirbt.

Und wir liegen im Bett
mit Magendrücken,
vergeblich hoffend auf ein Rezept,
das auch mir gelingt. 

 

Rundmail der Kernighausener Freunde der Atomkraft e.V.

Liebe Mitglieder und Freunde der Atomkraft,

es sind schwere Zeiten. Kein Zweifel kann daran bestehen, dass wir Atomkraftbefürworter in der Defensive sind. Die Atom-Katastrophe in Japan ist Wasser auf den Mühlen unserer politischen Gegner, die, ohne an die Opfer der Katastrophe zu denken, aus den Vorfällen politisches Kapital schlagen.

Wir Freunde der Atomkraft aus Kernighausen waren auf unserem letzten Vereinstreffen einhellig der Meinung, dass wir unbedingt etwas gegen die herrschende Stimmung tun müssen.
Denn bei uns in Kernighausen gab es schon erste Panikreaktionen.

Maxl Huber, unser erster Schriftführer, weinte bei unserem letzten Treffen. Er hat Angst, dass er bald auf seinen geliebten riesigen Flachbildfernseher verzichten muss, weil wir ohne die Atomkraftwerke keinen Strom mehr haben.
Damit der Maxl Huber auch weiterhin seine Lieblingssendung ‚Bauer sucht Frau‘ sehen kann, haben wir uns Gedanken gemacht, wie wir die Menschen wieder für die Atomkraft gewinnen können.

Um das Image der Atomkraft nachhaltig zu verbessern könnte man den deutschen Fernsehsendern eine Serie vorschlagen, die den Alltag in einem Atomkraftwerk zum Thema hat.
Unsere zweite Vorsitzende Traudl Schwetzinger hatte diese Idee. Die Hauptfigur wäre ein Atomtechniker, der durch ein traumatisches Ereignis in seiner Jugend zur sauberen Atomkraft bekehrt wurde. Damals war sein Wellensittich aus seinem Käfig entflohen und von den gnadenlosen Rotoren einer Windenergieanlage in tausend Stücke gerissen worden. Angesichts des Anblicks seines zerfetzten Lieblings schwor unser Held, fortan für eine Energie zu kämpfen, in der nie mehr unschuldige Wellensittiche grausam zu Tode kommen.
Als Titel gefiele uns ‚An jedem strahlenden Montag'. Traudl meinte, dass sie und alle ihre Freundinnen eine solche Serie mit Begeisterung verfolgen würden.

Eine weitere, besonders originelle Idee ist mir beim fünften Bier in unserem Dorfwirtshaus, dem Roten Ross, eingefallen.
Warum nicht, wie es uns die Amerikaner schon vorgemacht haben, eine Verschwörungstheorie in die Welt setzen, die den Menschen zeigt, wer wirklich schuld an dem Drama in Fukushima ist.
Nach dieser Verschwörungstheorie war der Verursacher der japanischen Katastrophe eine radikale Gruppe von Naturschützern, deren Ziel es ist, die Atomkraft zu diskreditieren.

Bei einer Protestaktion gegen die Ölindustrie wollten sich die radikalen Naturschützer an Ölbohrtürme vor der japanischen Küste anketten. Als sie dabei den riesigen Kopf des sagenhaften Monsters Godzilla mit einer Ölplattform verwechselten und auf diese Weise von der tatsächlichen Existenz dieses japanischen Monsters erfuhren, war ihr Plan perfekt. Sie scheuchten das Monster mit einem Harpunenangriff auf, so dass es in größter Panik wild um sich schlug, was wiederum den großen Tsunami ausgelöst hat.

Freddy Gruber, dem Wirt vom Roten Ross, habe ich die Geschichte gleich erzählt und der hat alles sofort geglaubt. Seine Reaktion hat mich optimistisch gestimmt, dass unser Dorfwirtshaus die Quelle einer Verschwörungstheorie sein könnte, die sich in Kürze über die ganze Welt verbreitet.

Bei unserem letzten Treffen wurde auch zu Recht angemerkt, dass man unbedingt etwas tun müsste gegen die verbreitete hysterische Stimmung unter uns Deutschen.

Wie weit ist es gekommen, hat unser zweiter Vorsitzender Willi Buschnagel gefragt, dass wir Deutschen uns wegen allem in die Hosen machen.
Wir haben Angst vor der Schweinegrippe, vor dem Rinderwahnsinn, dass der Blitz einschlägt oder dass uns das Bier im Kühlschrank ausgeht.

Um dem Volk ein Beispiel von Mut und Unerschrockenheit zu geben, schlage ich eine Solidaritätstafel für unsere japanischen Freunde von der Atomindustrie vor.
Bei dieser Tafel sollte es ausschließlich verstrahlte Lebensmittel aus der Umgebung von Fukushima geben.
Dazu will ich ausgewählte Freunde aus der Regierung einladen. Politiker, die seit Jahren für die Atomkraft eintreten.

Wenn der deutsche Fernsehzuschauer dann sieht, wie wir und unsere geschätzten Politikerfreunde mit einem souveränen Lächeln ein mit 1000 Becquerel verstrahltes Sushi verzehren, wie wir ohne mit der Wimper zu zucken ein Glas Original-Kühlwasser aus dem Reaktorblock 3 des Atomkraftwerks Fukushima trinken, dann bin ich sicher, dass das deutsche Volk uns Freunde der Atomkraft in einem völlig neuen Licht betrachtet.

Denn wir Atomfreunde haben nur eine Furcht. Die Furcht, dass uns irgendwann ein Windrad auf den Kopf fällt.

Und unsere Freunde aus der Politik wären das lebende Beispiel, dass es auf keinen Fall die Radioaktivität sondern der Alkohol ist, der unsere Gehirnzellen mit atemraubender Geschwindigkeit verschwinden lässt.

In diesem Sinne hoffe ich auf eine strahlende Zukunft.

Euer Vorsitzender

Fritz Kungler



 

 

Atompilz im Westen

In einem Biergarten
kann es geschehn.
Ein Sonntagnachmittag
so tödlich langweilig
wie viele vor ihm.

Und wir sitzen und trinken.
Kinder spielen im Gras.
Schwitzende Männer
halten sich an Bierkrügen fest.

Und wir sitzen und trinken,
bis die Hitze und das Bier
unsere Hirne erweicht.

Und irgendwann sagt Markus,
dass er jetzt da ist.
Der riesige Atompilz im Westen.

Und er fragt,
was wir tun sollen.
Gleich kocht unser Bier.

Ich weiß es nicht.
Aber ich trinke schnell aus,
damit nichts übrigbleibt. 

 

Der Ghostwriter

Ich erinnere mich noch genau an diesen Abend. Ein kalter, stürmischer Frühlingstag im Jahre 2007.
Es klopfte dreimal an der Tür zu meinem Kellerbüro.
„Wer ist da?", rief ich.
„Ein Verlorener ohne Hoffnung."
Das war der vereinbarte Code. Ich öffnete die Tür. Vor mir stand ein Mann in einem grauen Regenmantel. Der Kragen war hochgeschlagen und seine schwarzen Haare glänzten wie ein Ölfilm auf einer schmutzigen Wasserpfütze.

„Ich wäre nicht hier, wenn es sich nicht um einen absoluten Notfall handeln würde", sagte er, als er mir gegenüber saß.
Ich lehnte mich zurück. Natürlich war er in einer Notlage. Zu mir kamen sie nur dann, wenn es nicht mehr anders ging. Denn ich war der Beste.
Der Mann vor mir spulte die Leier ab, die ich schon tausendmal gehört hatte.
Er hatte sich überschätzt, hatte geglaubt, er könnte eine Doktorarbeit einfach so nebenher schreiben.
„Ich bin junger Familienvater, Abgeordneter, und da ist meine politische Karriere und die Kinder, und meine Frau. Ich arbeite die ganze Nacht, aber ich schaffe es nicht. Ich war so hochmütig zu glauben, dass mir die Quadratur des Kreises gelingt, wollte alles unter einen Hut bringen. Aber morgens habe ich kaum noch Zeit für meine Haarpflege."
Sein Blick wirkte verzweifelt. Er stand auf, lehnte sich an die Wand und schloss die Augen.
„Okay", sagte ich. „Ich mache es."
Einen Moment blickte er mich stumm an. Dann stürzte er sich auf mich und umarmte mich.
Ich ließ es geschehen. An der Stelle, wo er seinen Kopf gegen die Wand gelehnt hatte, sah ich einen dunklen Ölfleck.
„Wie heißen Sie überhaupt?", fragte ich.
Er atmete tief ein. Dann stellte er sich vor. Ich hörte ihm stumm zu. Vor mit stand ein Freiherr mit über zehn Namen.
„Wow", sagte ich. „Da ist ja der halbe Tag vergangen, bis Sie sich vorgestellt haben."
Der Mann mit den vielen Namen sah mich starr an.
„Diesen Witz höre ich fast jeden Tag."

Abends brachte er mir einen großen Karton. Er schüttelte den Inhalt auf meinen Schreibtisch. Ich sah ratlos auf das Chaos. Vor mir lagen unzählige Zettel, CDs, Bücher, aber auch Bierdeckel mit irgendwelchen Notizen, Zeitungen und Servietten, auf denen unleserliches Geschreibsel stand.
„Wann müssen Sie die Doktorarbeit abgeben?", fragte ich.
„In zwei Wochen."
Ich sah ihn starr an. Wie sollte ich das schaffen?
„Im Grunde ist die Doktorarbeit schon fertig. Sie müssen nur zusammenschreiben, was ich schon kopiert, ich meine, geschrieben habe."
Ich war ratlos. Den Freiherrn hielt es nicht auf seinem Sitz. Er tigerte mit federnden Schritten unruhig durch mein Kellerbüro.
„Brauchen Sie denn unbedingt diesen Doktor?",  fragte ich. „Sehen Sie, viele Leute sind auch glücklich ohne so einen Doktor vor dem Namen."
Er lief weiter durch den Raum ohne mich anzusehen.
„Und wenn Sie einen Doktor haben, dann ist Ihr Name ja noch länger."
Der Freiherr sagte nichts.
„Schauen Sie mich an, auch ich habe keinen Doktor. Ich habe schon so viele Doktorarbeiten geschrieben, aber ich selbst habe keinen Doktor. Man kann auch glücklich sein ohne Doktor."
Er blickte sich kurz in meinem schäbigen Büro um, ging wieder unruhig durch mein Büro. Vor dem vergitterten Fenster blieb er stehen. „Ich brauche den Doktor, ich brauche ihn unbedingt", schrie er wie besessen  und rüttelte an den Gitterstäben vor dem Kellerfenster.

Es folgten harte Tage. Ich arbeitete Tag und Nacht. Manchmal kam der Freiherr vorbei und brachte mir neue Unterlagen.
Ich schrieb und schrieb. Ich kämpfte mich durch kaum leserliche Sätze auf Servietten.
Ich entzifferte Notizen zwischen To-Do-Listen (1. unbedingt Haargel kaufen 2. der Kanzlerin Angela sagen, wie toll ihr Busen in einem tiefen Dekolleté aussähe).
Ganze Absätze hatte er in Seiten von Büchern wie 'Politik für Dummies' oder 'Wie werde ich Minister in zehn Wochen' gekritzelt.
Doch etwas stimmte nicht mit den Aufzeichnungen des Freiherrn. Manchmal waren sie klar und gut geschrieben. Anderes wirkte stümperhaft und war voller Fehler.
Als der Freiherr wieder in meinem Büro stand, sah ich ihn ernst an.
„Ich frage nur wegen der wissenschaftlichen Richtigkeit", sagte ich. „Sie haben doch wirklich alles selbst geschrieben?"
Er blickte mich starr an. In seinen Augen funkelte es.
„Wie können Sie so etwas überhaupt fragen? Prinzipienfestigkeit und Grundsatztreue, Verantwortung, Verpflichtung, Vertrauen, Gewissen. So steht es auf meiner Homepage. Das sind meine Werte."
Seine Worte dröhnten in meinen Ohren.
„Es war nur eine Frage", sagte ich.

Dann kam der Tag, an dem ich ihm das fertige Manuskript gab.
Er wog es ehrfürchtig in der Hand.
„Das ist sie also. Meine Doktorarbeit."
„Na ja", sagte ich. „Ein bisschen habe ich auch daran geschrieben."
 „Seien Sie still", sagte er. „Sie haben doch nur abgeschrieben, was ich in langen Nächten erdacht und erschaffen habe. Die Anfertigung dieser Arbeit, das war meine eigene Leistung. Ehre, wem Ehre gebührt."

Ich hörte nichts mehr von ihm. Aus der Zeitung erfuhr ich, dass die Arbeit mit einem summa cum laude bewertet wurde. Stolz fügte ich das meinen Referenzen bei.
Dass er sich nie bei mir meldete und nicht ein Wort des Dankes an mich richtete, das hat mich ein wenig enttäuscht.
Aber das ist das Schicksal unseres Berufstandes. Wir Ghostwriter wirken im Verborgenen und nur die Eingeweihten wissen unsere Kunst zu schätzen.

Dann platzte die Bombe. Im Fernsehen sah ich den Freiherrn. Er hatte abgeschrieben. Der Doktortitel, weg war er.
Für mich ist das ein schwerer Schlag. Meine Konkurrenten haben nur auf diese Gelegenheit gewartet. Sie nennen mich einen Stümper und Betrüger. Im letzten E-Letter des Verbands deutscher Ghostwriter wurde sogar der Verdacht geäußert, ich wäre gar nicht der Urheber des Plagiats, sondern hätte das Werk in berüchtigten indischen Schreibfabriken anfertigen lassen.
Ich habe sofort eine Antwortmail abgeschickt. „Dieser Vorwurf ist abstrus", schrieb ich. „Ich habe Tag und Nacht hart an dieser Doktorarbeit gearbeitet, und da kann es sicher passieren, dass man den Überblick verliert, dass man nicht mit der nötigen Sorgfalt arbeitet. Aber es wurde ganz sicher nicht abgeschrieben und ich kann versichern, dass man eindeutig Urheber des Werks ist."

Doch sie lassen mich nicht in Ruhe. Schon wird gefordert, dass ich als 3. Vorsitzender des Verbands deutscher Ghostwriter zurücktreten muss.
Ich hätte es wissen müssen. Traue niemals einem Mann, der mehr als zehn Namen hat.