Eine deutsche Märchenehe

Es war einmal ein wohlhabender Mann mit Namen Hartmut. Er besaß ein Grundstück mit einem Haus, eine Kreditkarte, einen Geländewagen und ein Ferienhaus in Österreich. Im Osten grenzte an sein Grundstück ein Häuschen mit einem kleinen Garten, das von einer Frau mit Namen Martha bewohnt wurde.
Hartmut liebte diese Frau und ihr Häuschen mit Garten und er warb schon seit Jahren vergeblich um sie. Immer hatte sie sich ihm verweigert, doch an einem Tag im November, als Hartmut schon nicht mehr daran glaubte, fiel eine Mauer zwischen ihnen und Martha willigte in die Heirat ein.
Hartmut war überglücklich. Endlich wuchs zusammen, was schon lange zusammen gehörte. „Wir sind eins", rief er in ihren Armen und sprach jenen verhängnisvollen Satz, für den er sich noch heute am liebsten die Zunge abbeißen würde. „In nichts", sagte er zu Martha, „soll es dir schlechter gehen als vorher, aber in vielen Dingen besser." Und er versprach Martha ein Leben in Glück und Zufriedenheit, mit einer Kreditkarte, einem Geländewagen und einem Ferienhaus in Österreich.
Doch schon bald fielen dunkle Schatten auf das junge Eheglück. Hartmut kamen merkwürdige Dinge aus Marthas Vorleben zu Ohren. Käuflich und leichtlebig sei sie gewesen, so hieß es, und sie hätte außerdem mit zwielichtigen Herren verkehrt, mit Devisenschmugglern, Agenten, Ministerpräsidenten und Mafiosi.
Hartmut wurde schmerzlich bewusst, dass er eine Frau mit Vergangenheit geheiratet hatte. Mehr und mehr wuchs in ihm der Verdacht, dass es vor allem seine Kreditkarte, sein Geländewagen und sein Ferienhaus in Österreich gewesen wären, die sie zu dieser Heirat bewogen hatten. Auch andere Erwartungen Hartmuts wurden enttäuscht. Martha war keine Schönheit gewesen, als Hartmut sie geheiratet hatte Doch er hatte gehofft, dass sie sich mit Hilfe seiner Kreditkarte wandeln würde, dass eine blühende Landschaft entstehen würde, wo vorher graues Einerlei war.
Aber Martha entwickelte sich zu einer nörgelnden Ehefrau mit Migräne, die immer wieder davon sprach, dass es ihr früher gar nicht so schlecht gegangen sei, wo sie zwar keine Kreditkarte besessen hatte, sie aber in Ruhe und Sicherheit gelebt hatte, ohne diesen Stress und die Anforderungen, die die neuen Lebensumstände an sie stellten.
Hartmut fand, dass sie sich gehen ließ. Sie feierte wahre Konsumorgien, wurde dick und unansehnlich. Verschwendungssucht und Undankbarkeit stellte Hartmut bei ihr fest und manchmal war ihm, als blickte er in seelische Abgründe.
„Wer ist diese Frau?", pflegte Hartmut seinen Finanzberater zu fragen. „Ich bin jetzt so viele Jahre mit ihr verheiratet und kenne sie nicht."
Er dachte öfters daran, ob diese Ehe nicht ein Fehler gewesen war, und ob sein Bekannter Oskar nicht Recht gehabt hatte, der vor einer schnellen und überstürzten Verbindung gewarnt hatte. Von Monat zu Monat blickte Hartmut mit einem unbehaglichen Gefühl auf seinen Kontostand, und manchmal hatte er Träume, schreckliche Träume, in dem er sich arm und abgerissen sah und er bei Freunden um Benzin für seinen Geländewagen bitten musste.
Auch Martha hatte sich die Ehe anders vorgestellt. Ihr war es gegangen wie so vielen jungen Frauen. Sie hatte einen großmäuligen Frosch geheiratet in der Hoffnung, dass er sich nach der Heirat in einen wunderschönen Märchenprinzen verwandeln würde.
Ja, Hartmut hatte sich nach der Ehe wirklich verwandelt, nur war er eine noch hässlichere fette Kröte geworden, die selbstzufrieden zu Hause auf dem Sofa saß und immer noch so tat, als wäre er ihr Retter und Erlöser. Am schlimmsten jedoch war seine Besserwisserei. Überall glaubte er, sie bevormunden zu können und behandelte sie wie ein kleines Kind.
Aber weil dies ein deutsches Märchen ist, können sie sich nicht scheiden lassen. Und müssen zusammenleben, bis sie gestorben sind. Mit Kreditkarte, mit einem Geländewagen und einem Ferienhaus in Österreich.