Jahreszeiten
Vogelgesang in meinem Traum
vor dem Erwachen.
Drachenfliegen vor Septembergräsern
und der Himmel so nah.
Frosthauch in meinen Händen
betrunkene, sternklare Nacht.
Meine Schritte im Kies
klingen wie Zuversicht.
Schneeflocke im Haar,
zerfließe nicht zu schnell.
Endlich
an einem Tag am Ende des Winters
der Liebe begegnet,
als die Sonne sich zeigte
für einen Augenblick,
um wieder hinter Wolken
zu entfliehn.
Nachbarn
27. Juli. Heute ist der neue Nachbar eingezogen. Haberer von gegenüber hat erzählt, dass er Oskar Schröder heißt und sehr nett wirkt.
29. Juli. Die erste Begegnung mit Oskar Schröder. Er ist groß und dick. Ich habe ihn zu einem Besuch eingeladen und ihn darauf hingewiesen, dass der Gehweg vor seinem Haus immer rechtzeitig von Laub und Unrat befreit werden muss.
2.August. Schröder war zu Besuch. Wir haben uns gut unterhalten. Ich habe ihm mein Aquarium mit den wertvollen Zierfischen und die Sammlung meiner Gartenzwerge gezeigt. Schröder sah sich alles mit großem Interesse an. Ein sympathischer Nachbar.
4. August. Haberer hat sich mit Schröder unterhalten. Schröder hat sich über mich lustig gemacht. Meine Wohnzimmereinrichtung habe den Charme einer Ausnüchterungszelle und mein eitles Geschwätz sei so inhaltsschwer wie das Muhen einer Kuh. Haberer grinste, als er Schröders Worte wiederholte.
8.August. Schröder hat nach zehn Uhr laute Musik gehört. Ich habe sofort die Polizei angerufen. Die kamen nach einer halben Stunde. Danach war Ruhe.
12. August. Schröder grüßt mich nicht mehr. Er geht an mir vorbei und tut, als wäre ich Luft für ihn. Gegenüber Haberer habe ich durchblicken lassen, dass ich von Schröder eine Entschuldigung wegen seiner Äußerungen erwarte.
17. August. Schröder hat ein Gartenhaus gebaut. Ohne seine Nachbarn zu fragen. Ich habe im Bauamt nachgefragt, ob Schröder eine Genehmigung dafür hat. Die haben versprochen, das zu prüfen.
24. August. Schröder musste sein Gartenhaus abreißen. Aber er redet wieder mit mir. Ich habe ihn auf der Straße getroffen. Schröder ist stehengeblieben und hat mich lange angesehen: "Du miese Ratte", hat er gesagt.
30. August. Als ich heute in den Garten ging, blieb mir vor Schrecken die Luft weg. Meinen sämtlichen Gartenzwergen fehlten die Köpfe. Ich bin sofort zur Polizei. Doch die meinten, sie hätten Wichtigeres zu tun.
2. September. Schröder hat heute scheinheilig gefragt, was denn mit meinen Gartenzwergen sei. Ich habe nichts darauf geantwortet.
5. September. Am Morgen brachte der Postbote ein Paket ohne Absender. Darin waren die Köpfe meiner Gartenzwerge.
13. September. Ich weiß nicht, wie es passiert ist. Schuld hat Schröder. Er hat in der Mittagspause Rasen gemäht. Gerade als ich meinen Mittagsschlaf halten wollte. Als ich ihn zur Rede stellte, nannte er mich einen Giftzwerg. An alles andere kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Nur an den erschrockenen Gesichtsausdruck Schröders, als ich mit meinen Wagen in seinen Garten fuhr und durch die Terassentür in sein Wohnzimmer raste. Schröder hat danach mit der Axt die Einrichtung meines Hauses demoliert. Er hat meine Zierfische aus dem Aquarium genommen und sie roh verschluckt.
29. Oktober. Der Richter meinte, ein paar Wochen Haft würde uns beiden ganz gut tun. Ich habe gar nichts dagegen. In einer Gefängniszelle habe ich wenigstens meine Ruhe vor Schröder.
10. November. Ich habe etwas Schreckliches entdeckt. In der Zelle neben mir sitzt Schröder.


