Perfektionismus
Ich gebe zu, ich bin ein Perfektionist. Recycling, Müllvermeidung, Energiesparen, ich habe es hier bis zur Vollendung gebracht. Mülltrennnung, keine Einwegflaschen, Toilettenpapier nur aus 100 Prozent Altpapier, das sind für mich Selbstverständlichkeiten.
Aber wo andere aufhören, fange ich erst an. Vor kurzem habe ich begonnen, auch bei meinen Meinungsäußerungen zu sparen. Auf eigene Meinungen verzichte ich ganz. Im Gespräch übernehme ich einfach die Meinung meines Gesprächspartners. Das schafft Harmonie und Freude. Ein jeder ist glücklich, wenn man dieselbe Meinung hat.
Erzähle ich Witze, dann nur schon gebrauchte. Ich ändere meine alten Witze ein wenig ab, hier ein anderer Name, da ein neuer Anfang, und schon sind sie wieder verwendbar. Dass jeder fluchtartig das Weite sucht, wenn ich meine Recycling-Witze zum Besten gebe, führe ich auf die Verschwendungssucht meiner Mitmenschen zurück. Sie können sich mit dem Altbewährten einfach nicht zufriedengeben.
Auch bei dem, was ich denke, bin ich sparsam. Einen Gedanken benutze ich immer mehrmals, wende ihn hin und her, kaue auf ihm herum, bis nichts mehr von ihm da ist, und ich auf keinen Fall Gefahr laufe, diesen Gedanken noch lange mit mir herumtragen zu müssen.
Am weitesten bin ich bei meinen Gefühlsäußerungen. Wutausbrüche und Liebesbeteuerungen, welche Energieverschwendung. Ich verwende nur ein Gefühl, wenn ich schon mal eins brauche. Es ist ein diffuses, ungenaues Gefühl, das wunderbar auf alle Situationen paßt. Ich sage einfach, ich hab' da so ein Gefühl, und jeder nickt sofort verstehend. Bald hoffe ich, ganz auf Gefühle verzichten zu können.
Kürzlich sagte mir eine Freundin, dass ich das mit Recycling und Energiesparen wohl ein wenig falsch verstanden habe. Ich habe darauf nichts gesagt, weil ich ja auf eigene Meinungen verzichte und auch beim Denken spare, aber irritiert hat mich das schon.
Der Schiedsrichter
Mein Freund Hermann ist Schiedsrichter. Wenn andere sich am Wochenende zu Hause erholen, rennt er auf den Fußballplatz. Warum er das macht, kann er sich manchmal selbst nicht erklären. Denn Schiedsrichter zu sein, sagt Hermann, ist eines der schwersten Dinge überhaupt.
Dass er gut pfeift, halten alle für normal. Aber wehe, er macht einen Fehler. Dann toben die Zuschauer auf den Rängen. Manche sind auch nett und raten ihm, eine neue Brille zu kaufen. Aber die anderen würden ihn am liebsten in die Wüste schicken und nennen ihn Pfeifenheini oder Blödmann.
Aber das stört Hermann nicht. Denn für neunzig Minuten ist er auf der Fläche eines Fußballfeldes der unumschränkte Herrscher und so unfehlbar wie der Papst. Nur dass der Papst über alle Katholiken richtet. Der Hermann richtet nur über 22 Fußballspieler, die aber auch Katholiken sein können.
Was sind die wichtigsten Eigenschaften eines Schiedsrichters? Auf diese Frage zögert Hermann nicht eine Sekunde. Ruhe, Übersicht und Entscheidungsfreude. "Und", fügt Hermann hinzu. "Der Schiedsrichter darf auf keinen Fall farbenblind sein." Das wäre fatal.
Auf dem Spielfeld muss er eine Autorität sein. Wenn ein Spieler einen anderen beschimpft, an den Haaren zieht, sein Hemd aus der Hose hängen lässt oder sich in das Trikot seines Gegners schneuzt, muss der Schiedsrichter sofort eingreifen und für Ordnung sorgen. Weil Ordnung muss sein auf dem Fußballplatz.
"Wenn die Spieler alle anständige Burschen wären", seufzt Hermann, "wäre das ja kein Problem." Aber da gibt es ganz ausgekochte Profis, die ihm das Leben schwer machen. Am schlimmsten sind die Simulanten. Die fallen sofort um, wenn einer sie nur berührt. Dann wälzen sie sich am Boden und zeigen auf den Gegenspieler. Der wiederum macht ein Gesicht, als käme er gerade aus dem Priesterseminar. Wem soll da der Schiedsrichter glauben?
Andere Profis sind richtige Schlitzohren. Die sind immer ganz freundlich zum Schiedsrichter, tätscheln ihn an der Schulter, machen ihm Komplimente, wie gut ihm doch seine kurze Hose steht. Aber wenn der Schiedsrichter nur einmal nicht hinschaut, dann schieben sie, drängeln und kratzen. Und wenn der Schiedsrichter dann schimpft, spielen sie die Unschuld vom Lande.
Oder die Zeitschinder. Die schinden die Zeit, wo es nur geht. Passt der Schiedsrichter nicht auf, ist die Zeit weg wie nichts.
Warum aber nimmt einer wie Hermann das alles auf sich? Auf diese Frage lächelt er nur. "Schiedsrichter zu sein", sagt er, "ist eines der letzten Abenteuer. Ein Schiedsrichter erlebt Dinge, wofür andere auf den Himalaja steigen oder an den Amazonas fahren."
Wenn der Hermann in so einem Hexenkessel steht und Tausende von Zuschauern schreien und toben und wollen ihn am liebsten vierteilen oder hängen, dann weiß er, was echtes Abenteuer ist, dann genießt er das erregende Gefühl der Gefahr. Und deshalb, sagt der Hermann, treibt es ihn jedes Wochenende wieder auf den Fußballplatz.
Der Torjäger
Das Schlimmste für einen Torjäger ist, wenn er zu denken anfängt. Steht er vor dem Tor und denkt, soll er jetzt links oder rechts oder dem Torwart durch die Beine, dann ist es schon zu spät. Dann hat der Torjäger ganz schnell eine Krise, hat eine Ladehemmung, weil das Denken so hemmt, dass er überhaupt nichts mehr trifft. Deshalb ist der denkende Torjäger eine Unmöglichkeit.
Man unterscheidet drei Arten von Torjägern: den Sturmtank, den spielenden Stürmer und den Torriecher. Der Sturmtank ist groß, breit und hat das Kreuz eines Jahrmarktringers. Auf den Schultern trägt er einen Eisenkopf. Der ist hart wie eine Kanonenkugel. Damit schraubt er sich hoch und wuchtet das Leder ins Netz.
Wirklich gefährlich ist der Sturmtank, wenn er freie Bahn hat und kriegt den Ball. Dann geht er ab, dann bricht er los, dann tankt er sich durch, dann ist er nicht mehr zu halten, und wehe es kommt ihm einer in die Quere, der Sturmtank reißt alles nieder, pflügt alles klein und haut drauf mit seinem Hammer, dass es nur so kracht.
Ein sehr fragwürdiger Typ ist der spielende Mittelstürmer. Manchmal vergisst er seine große Aufgabe. Dann spielt er nur noch. Alles schön anzusehen, hier eine raffinierte Körperdrehung, dort ein gekonnter Trick, aber wo bleibt der Torschuss? Und das nur, weil der spielende Mittelstürmer das einfache Toreschießen verachtet. Ein Tor, das er schießen kann, weil sein Gegenspieler zu blöd ist und nicht aufpasst, so ein Tor will er gar nicht, das sollen andere machen. Oder gar ein Abstauber. Da schüttelt es den spielenden Mittelstürmer. Aber ein raffinierter Doppelpass, ein Spielzug über fünf, sechs Stationen, da geht das Herz des spielenden Mittelstürmers auf, da ist er in seinem Element.
Ganz anders der Torriecher. Er kann kaum geradeaus laufen, auf dem Mannschaftsfoto glaubt man immer, er ist der Koch vom Team. Schnell ist er auch nicht, aber er hat einen Instinkt.
Die meiste Zeit bemerkt man den Torriecher gar nicht. Meistens steht er im gegnerischen Strafraum. Bewegen tut er sich nur, wenn ihn seine Gegenspieler mit der Abseitsfalle ärgern und er zurücklaufen muss. Sein Gegner tut alles, um den Torriecher zu zermürben. Er redet mit ihm, nennt ihn einen faulen Sack, und schämen müsst man sich, gegen so einen zu spielen, wo man nicht mal ins Schwitzen kommt.
Aber den Torriecher stört das nicht. Etwas Einschläferndes geht von ihm aus. Niemand nimmt ihn mehr wahr. Die Zuschauer fragen sich, ob er noch mitspielt, die Sportreporter glauben, dass man ihn ausgewechselt hat. 85 Minuten geht das schon, es steht immer noch 0:0. Und auf einmal ist der Torriecher da. Eben war er noch anderswo. Niemand weiß, wie er dahin gekommen ist, wo er jetzt ist und wo ihm der Ball vor die Füße fällt. Er hat keinen Trick gemacht, keine Körpertäuschung, es ist ein Rätsel, wie er das gemacht hat, aber jetzt ist er da und schiebt die Kugel rein.
Ganz einfach schaut das aus, jeder könnte das, aber nur der Torriecher ist eben da und macht's. Und später schreiben die Sportreporter wieder von diesem Instinkt, den keiner so hat und den man auch nicht lernen kann, weil den hat man oder hat man nicht.
Der Spielmacher
Auf dem Spielfeld gibt es viele Macher. Der eine macht eine Schwalbe nach der anderen, der andere macht nur einen guten Eindruck und der dritte macht etwas her, ohne viel zu machen. Und dann gibt es noch den Spielmacher. Er macht das Spiel.
Der Spielmacher ist ein Künstler. Deshalb hat er seine Eigenheiten. Der eine muss immer als letzter einlaufen. Der andere ist abergläubisch, trägt immer die selben Socken und wäscht sie nie. So eine Angewohnheit kann auf Dauer sehr belastend für die Mannschaft sein.
Der Spielmacher liebt das elegante Spiel, den kurzen schnellen Doppelpass, den genialen Schlenzer aus dem Fußgelenk, der alle überrascht, die Gegner, die Mitspieler und manchmal den Spielmacher selbst. Schlecht ist, wenn der Spielmacher schneller denkt als seine Stürmer laufen können. Dann steht er auf verlorenem Posten.
Was der Spielmacher nicht liebt sind Manndecker. In ihrer aggressiven und bissigen Variante nennt man sie auch Terrier. Der Terrier kennt nur ein Ziel. Er muss den Spielmacher ausschalten, ihn kleinkriegen, ihn kaltmachen. Dafür ist dem Terrier jedes Mittel recht. Er steht dem Spielmacher auf den Füßen, wenn keiner aufpasst, zieht er ihm die Hose runter, er schubst ihn, drängelt, hält ihn fest, klebt an ihm wie Sirup und riecht aus dem Mund. Das alles, um dem Spielmacher zu ärgern und ihn nicht ins Spiel kommen zu lassen.
Weil der Spielmacher das Spiel macht, muss ein anderer die ganze Arbeit machen. Dafür gibt es den Wasserträger. Der hält dem Spielmacher den Rücken frei. Wenn ein Wasserträger auch das Spiel machen will, gibt es Ärger. Denn Spielmacher gibt es nur einen in der Mannschaft. Zwei Spielmacher, das geht selten gut.
Wenn der Spielmacher zu eigensinnig wird, wird er zum Trickser. Er trickst und trickst, will alles alleine machen und den Ball nicht mehr abgeben. Dann verliert er seine Bedeutung, weil er ja nicht mehr das Spiel macht, sondern nur noch Tricks.
Zum runden Leder hat der Spielmacher ein ganz besonderes Verhältnis. Er redet manchmal mit ihm, nennt ihn eine alte Lederhaut. Im Spiel tritt er nicht einfach nach dem Ball, so wie es zum Beispiel der Terrier macht, der nach allem tritt, was sich bewegt, überall draufhaut, irgendwas wird er schon treffen. Muss der Spielmacher so etwas mit ansehen, blutet ihm das Herz. Für ihn ist der Terrier ein brutaler Klopper.
Ganz anders der Spielmacher. Mit seinen Spielmacherfüßen streichelt er den Ball, er schlenzt ihn, er schneidet ihn an, er lupft ihn, er spielt den Ball mit Effet.
Heute scheint der Spielmacher auszusterben. Unter Trainern ist er nicht unbedingt beliebt. Auch braucht er besondere Pflege. Man muß ihn schon früh entdecken und aufpassen, daß er auch wirklich ein Spielmacher wird, und nicht ein Geschäftemacher, oder gar ein Liedermacher, weil das Machen liegt ihm im Blut. Aber ein Fußballspiel ohne einen Spielmacher ist nur die halbe Sache. Fußball ist mehr als nur ein Spiel. Aber das begreift man nur, wenn man einen Spielmacher in Aktion sieht.
Gute Manieren
Es war der Abend vor meinem ersten Arbeitstag. Meine Freundin überreichte mir ein kleines Büchlein. "Das richtige Benehmen in Beruf und Freizeit". Ich blickte sie fragend an. "Du willst doch Karriere machen", meinte sie. "Nur wer heutzutage weiß, wie man sich richtig benimmt, hat Erfolg im Beruf."
Später nahm ich das Buch zur Hand. Ich staunte. Es gab Dinge, die ich bisher nicht gewusst hatte. Instinktiv war mir immer klar gewesen, dass man nicht mit einer Badehose zum Kirchgottesdienst gehen sollte. Jetzt bekam ich die Bestätigung. So etwas verstieß einfach gegen den guten Ton.
Ich studierte das Buch mit großem Eifer und begann, danach zu leben. Ich kleidete mich immer passend zu jeder Gelegenheit. Ich lernte, dass beim Abendessen Krankengeschichten über meine Hämorrhoiden nicht das passende Tischgespräch waren und vermied es, mit einem abgenagten Knochen nach dem Kellner zu werfen, wenn ich zahlen wollte.
Mein Erfolg war überwältigend. Bald war ich ein gefragter Gast bei jedem festlichen Ereignis. Auch beruflich ging es aufwärts. Als in meiner Firma die Stelle des Abteilungsleiters frei wurde, sah ich meine Chance. "Wir suchen einen Mann, der sich in jedem gesellschaftlichen Umfeld wie zu Hause fühlt", sagte mein Chef Friedrich Kabunke und stellte mir den Posten in Aussicht.
Es gab nur einen, der mir meinen Aufstieg streitig machen konnte. Ernst Schmidthäuser, mein Rivale, der mit mir das Büro teilte.
Es kam der entscheidende Abend. Mein Chef Kabunke lud mich und Schmidthäuser zu einer kleinen Party ein. Anfangs lief alles bestens. Sogar peinliche Situationen meisterte ich souverän. Das verlegene Schweigen, als der Seniorchef der Firma seine dritten Zähne versehentlich in die Bowle fallen ließ, überbrückte ich mit einem kleinen Witz, so dass er sein Gebiss unbemerkt herausfischen konnte. Auch beim Essen sammelte ich Punkte. Schmidthäuser schlürfte seine Suppe wie ein Bauer, ich löffelte sie mit wahrer Eleganz. Schmidthäusers Rülpser während der Vorspeise fiel unangenehm auf, ich unterhielt meine Tischnachbarn mit kleinen, amüsanten Geschichten.
Doch dann folgte das Hauptgericht: Ungarischer Spieß. Schweißtropfen bildeten sich auf meiner Stirn. Der Umgang mit Spießen war mir schon immer ein Problem gewesen. Und dann passierte es: eine ungeschickte Bewegung, der Spieß rutschte mir vom Teller, ein Fleischstück flog über den Tisch mitten auf den Kopf von Kabunke. Ich verlor einen Moment die Fassung, griff nach dem Fleisch - und hielt Kabunkes Perücke an meiner Gabel. Die Blamage war perfekt.
Nach dieser Party meldete ich mich krank. Als ich in die Firma zurückkehrte, hatten sie Schmidthäuser zum Abteilungsleiter gemacht. Resigniert kündigte ich.
Heute sind mir gute Manieren in Fleisch und Blut übergegangen. Jeder Situation fühle ich mich gewachsen. Nur wenn ungarischer Fleischspieß auf den Tisch kommt, lege ich die Gabel beiseite und täusche eine leichte Magenverstimmung vor. Jeder hat nun mal seine Schwachstelle.


