Reality-Zapping

Mein Freund Kurt fing damit an. Wenn er mit mir redete, fuchtelte er dau­ernd mit einem kleinen, schwarzen Gerät vor meiner Nase herum.
"Was hast du denn da?" fragte ich. Kurt lächelte geheim­nisvoll.
"Das", sagte er, "ist eine Reality-Fernbedienung. Mit einem Knopfdruck kann ich alles aus meiner Wahrnehmung verschwinden lassen. Wenn mich jemand langwei­lt oder ärgert, zappe ich ihn einfach weg."
Ich sah unsicher auf seine Fernbedienung. "Und das funktio­niert?"
Kurt gähnte. "Deine dummen Fragen beginnen mich zu lang­weilen."
Er drückte auf einen Knopf und ich saß in meinem Wohnzimmer.

Bald besaßen alle meine Freunde eine Reality-Fernbedie­nung. An­fangs ver­weigerte ich mich. "Der Tod jeder ernsthaften Ge­sprächs­kultur", schimpfte ich. Leider konnte ich meine Aus­führungen nie weiterfüh­ren, weil man mich schon lange weg­gezappt hatte.
Es begann eine schwere Zeit. Wurde ich bei Gesprächen nur einen Moment langweilig, Zapp, weg war ich. Als mich meine Freundin mitten im Beischlaf wegzappte, ging ich wütend zu Kurt. "Diese Reality-Fernbedienung ist wirk­lich furchtbar", schimpfte ich. "Kaum will ich et­was sagen..." Ich saß wieder in meinem Wohn­zimmer. Kurt hatte mich weggezappt. Am nächsten Tag kaufte ich mir auch eine Reality-Fernbedienung.

Nun wurde jede Unterhaltung zu einem Kampf. Wir saßen uns mit gezückten Fernbedienungen gegenüber. Wer den anderen lang­weilte, war sofort weg. Ich entwickelte großen Ehrgeiz, meinen Gegenüber bei Laune zu halten. Ich lernte Zaubertricks. Drei­hundert Witze konnte ich auswendig. Bald war ich berühmt für meinen Charme und galt als glänzender Unterhalter. Doch mich begannen meine Gesprächspartner im­mer öfter zu langweilen. Die meisten zappte ich weg, kaum dass sie den Mund aufmachten.

Eines Abends saß ein schwarzgekleideter Mann mit bleichem Ge­si­cht in meinem Wohnzimmer. Er hatte eine Fernbedienung bei sich, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Er faselte, dass er der Tod sei, der große Zapper, der alle Programme löscht. Ich richtete meine Fernbedienung auf ihn. "Entschuldigen Sie", sagte ich. "Aber dieses depressive Gerede geht mir auf die Nerven." Ich drückte auf den Knopf. Der Mann war immer noch da. Ich drückte noch einmal. Aber er lachte nur.

Dann richtete er seine Fernbedienung auf mich. Ich begann zu schwitzen. Ich entsann mich meiner Zaubertricks. Meinen ganzen Charme und Witz entfaltete ich. Er hörte amüsiert zu. Er lachte sogar. In einem unbedachten Moment legte er seine Fern­bedienung beiseite. Ich schnappte sie mir. Als ich drohte, sie aus dem Fenster zu werfen, versprach er, erst in zwanzig Jah­ren wied­erzukommen. Nachdem er gegangen war, gönnte ich mir einen Schnaps.

Heute lebe ich ohne Fernbedienung. Meine Qualitäten als witziger Plauderer bewahren mich davor, meine Gesprächspartner zu langwei­len. Nur wenn ich anfange, von dem schwarzgekleideten Mann zu erzählen, dem großen Zapper, der alle Programme löscht, dann lächeln meine Zuhörer mitleidig. "Diese Geschichte ist einfach zu dumm", sagen sie, richten ihre Fernbedienung auf mich, und zappen mich weg.

 

Müllforschung

Mit den Problemen der Müllentsorgung haben sich schon zahlreiche Wissenschaftler beschäftigt. Jetzt hat sich sogar ein Psychologe des anrüchigen Themas angenommen. Wer war zuerst da, der Mensch oder der Müll? Ist das Wegwerfen ein Urinstinkt, der seit der Steinzeit in uns steckt? Oder ist ein pränatales Erlebnis schuld für den zwanghaften Trieb, alles in die Mülltonne zu werfen?
Das sind Fragen, die den Psychologen Dr. Harmut Winterstein aus Müllhausen bei seinen Forschungen beschäftigten. Eine These von ihm: Das Verhältnis eines Menschen zu seinem Müll sagt viel über seinen Charakter. Dr. Winterstein unterscheidet drei Mülltypen: den Wegwerfer, den Sammler und den Recycler.
Der Wegwerfer, so Winterstein, sieht im Leben Verwesung und Tod. Er glaubt nicht an ein Leben nach dem Tod, beim Menschen genausowenig wie beim Müll. Dass eine alte Coladose, achtlos weggeworfen, als Sardinenbüchse ein glanzvolles Comeback erleben könnte, das kann er sich nicht vorstellen. Für ihn kehrt nie zurück, was einmal auf dem Müll gelandet ist, und alles, was existiert, ist verdammt, ewig in der Müllverbrennungsanlage zu schmoren. Daher wirft er alles weg. Am Anfang war der Müll, und alles wird wieder auf dem riesigen Müllhaufen der Geschichte enden. Auf dass die ganze Welt in Müll ersticke.
Der Sammler dagegen sammelt, was er nur kriegen kann. In seiner Wohnung stapelt sich der Müll. Was er hat, das hat er und lässt er nicht mehr los. Ich sammle, also bin ich, das ist seine Devise. Der Sammler sieht nicht, dass sich ein Ding immer wieder verändern und neu entstehen muss. Denn ein Mensch muss auch loslassen können und dem Weißblech die Chance geben, als Keksdose eine neue Bestimmung zu finden.
Ganz anders der Recycler. Er weiß, dass der Mensch und die Dinge nur Erscheinungsformen einer unvergänglichen Existenz sind. Das Holz des Baumes wird zu Papier, aus diesem wird ein Buch. Dieses Buch landet auf dem Altpapiercontainer, feiert als Recycling-Klopapier eine wundersame Auferstehung und geht schließlich durch die Toilettenspülung den Weg alles Irdischen in die Kläranlage. Und als Klärschlamm und Dünger läßt es wieder einen Baum wachsen und gedeihen. Welch wunderbarer Kreislauf.
Kein Ding, glaubt der Recycler, ist dazu bestimmt, in der Müllverbrennungsanlage ein grausiges Ende zu nehmen. Doch Dr. Wintersteins Forschungen lassen Fragen offen. Warum kann einer mit guter Kinderstube und besten Voraussetzungen zum asozialen Wegwerfer werden, und ein anderer, den frühe Heirat und geregeltes Einkommen schon in jungen Jahren auf die schiefe Bahn gebracht haben, wird doch noch ein verantwortungsvoller Recycler? Fragen, auf die Dr. Winterstein bisher keine Antwort weiß. Doch seine Forschung geht weiter.

 

 

Begegnung im Schnellimbiss

Wir waren uns beide nicht sicher. Der Heinz genausowenig wie ich. Man muss sich das vorstellen: Der berühmte Fernsehstar Bruno Wasilow in einem türkischen Schnellimbiß.
Gewiss, die Ähnlichkeit war verblüffend. Der da langsam und mit Genuss ein Döner Kebab aß, war dem Bruno Wasilow wie aus dem Gesicht geschnitten. Gestern noch hatte ich ihn in seiner Paraderolle bewundern können. Als Pfarrer Gottlieb Dorn in der Serie "Mit allen Wassern gewaschen."
Keiner konnte das "Gott sei seiner armen Seele gnädig" so ausdrucksvoll sprechen wie Bruno Wasilow. Keiner. Wie hatte es ihn nur hierher verschlagen?
"Vielleicht", sagte ich zu Heinz, "hat der Bruno Wasilow das Leben als Star gründlich satt. Das dauernde Kaviaressen und den klebrigen Champagner in First-Class-Restaurants." Und da habe er sich inkognito unter die Leute gemischt und sei in einem türkischen Schnellimbiss gelandet.
Aber dann kamen uns Zweifel. Es könnte ja sein, meinte der Heinz, dass das gar nicht der richtige Bruno Wasilow sei, sondern nur ein Double. Da ja alle berühmten Stars Doubles hätten, die den echten Star bei Autogrammstunden, Talkshows und Attentatsversuchen verrückter Fans vertreten würden.
Der Auftritt von Frau Habermaier hat endlich alles aufgeklärt, wenn auch auf sehr tragische Weise. Die Frau Habermaier ist schon an der Tür stehengeblieben, als sie den berühmten Bruno Wasilow gesehen hat. "Meine Güte", hat sie gesagt, "der Bruno Wasilow hier beim Türken."
Der Bruno Wasilow wurde mit einem Schlag ganz bleich. Und die Frau Habermaier konnte sich gar nicht mehr beruhigen. "Nein", hat sie gesagt und hat nach Luft geschnappt, "dass ich das erleben darf. Der Bruno Wasilow."
Die Frau Habermaier musste sich setzen. Ganz rot war sie im Gesicht, hat sich an die Brust gefasst und ist vom Stuhl gekippt. Ein Herzanfall.
Alle sprangen auf und starrten auf die Frau Habermaier, auch der Bruno Wasilow. Und da sind mir wieder Zweifel gekommen. Weil der Bruno Wasilow früher auch schon einen Schönheitschirurgen gespielt hat, und jetzt stand er nur da und schaute dumm.
Aber es zeigte sich, dass die wahre Rolle und Bestimmung von Bruno Wasilow eben der Pfarrer Gottlieb Dorn ist. Denn als der Notarzt bedauernd den Tod festgestellt hatte und dann den Bruno Wasilow um ein Autogramm bat, da hat sich der berühmte Fernsehstar noch einmal über die Tote gebeugt: "Gott sei ihrer armen Seele gnädig", hat er gesagt. Genau wie im Fernsehen, mit dieser Poesie in der Stimme. Und da konnte es auch keinen Zweifel mehr geben, dass das der echte Bruno Wasilow war, was den Heinz und mich wirklich beruhigt hat.
Was wäre das andernfalls für ein Tod gewesen für die Frau Habermaier: Bruno Wasilow sehen, einen Herzschlag kriegen und dann sterben. Und dann hätte sich herausgestellt, dass es nur ein Double war! Das wäre wirklich bitter gewesen.
 

Planer für den Erfolg

Mein 34. Geburtstag. Ein in buntes Geschenkpapier eingewickeltes Etwas lag auf dem Tisch, daneben stand mein Freund Helmut und sah mich erwartungsvoll an. Ich packte es vorsichtig aus. Zum Vorschein kam ein kleines Büchlein. "Ein Terminkalender?" fragte ich. Helmut schüttelte den Kopf. "Nein," sagte er. "Ein timeplaner."
Ich blickte ihn ratlos an. Helmut erklärte mir, dass timeplaner für gestresste Manager und Menschen unter Zeitdruck entwickelt wurden. Ein timeplaner sei natürlich auch ein Terminkalender, aber er sei vor allen ein System, um seine Zeit optimal zu nutzen.
"Der timeplaner," meinte Helmut, "ist die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg. Er macht dich frei für kreative Ideen. Angela Merkel, Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, Dagobert Duck. Sie sind nichts ohne ihren timeplaner."
"Aber ich brauche keinen timeplaner“, entgegnete ich. "Jeder braucht einen timeplaner“, wischte Helmut meinen Einwand beiseite. "Und außerdem wird es Zeit, dass du endlich ein geregeltes Leben in Sicherheit und Wohlstand führst. Und das geht nicht ohne timeplaner."
Was wollte Helmut nur? Ich hatte das beste Leben, das ich mir denken konnte. Ich machte mir keine Gedanken um die Zukunft und lebte in den Tag hinein. Ich war frei und glücklich. Wozu ein timeplaner?
Aber dann erzählte mir Helmut, was man alles mit diesem timeplaner erreichen könne. Eine Villa im Grünen, den Vorsitz im örtlichen Golfclub, und es würde nicht lange dauern, versicherte mir Helmut, da hätte ich die erste Million auf meinem Konto. Ich blickte nachdenklich auf meinen timeplaner.
Abends blätterte ich das Ding misstrauisch durch. Eine Rubrik war für die Ziele des nächsten Jahres. Ich schrieb auf: eine Villa im Grünen, den Vorsitz im Golfclub und mindestens eine Million auf dem Konto. Ich legte mich zufrieden schlafen.
Der timeplaner veränderte mein Leben. Schon bald lobte mein Chef meine Disziplin und Zuverlässigkeit und beförderte mich. Die ersten Erfolge spornten mich an. Jede Stunde nutzte ich, um weiterzukommen. Bald hatte ich alles, was zu einem Leben in Sicherheit und Wohlstand gehört: eine Villa im Grünen, den Vorsitz im Golfclub, eine Versicherung gegen Wasserschäden, eine Versicherung gegen Sturmschäden, einen Sportwagen, eine Versicherung gegen Einbruch und eine Frau, die mich mit meinem Versicherungsvertreter betrog.
Ich konnte nicht mehr aufhören. Meine Villa, meine Frau und die Versicherungspolicen erforderten immer größere Ausgaben. Ich brauchte einen neuen, größeren timeplaner.
Bald zeigten sich erste gesundheitliche Verschleißerscheinungen. Mein Arzt riet mir dringend zu einem längeren Urlaub. Aber der timeplaner beherrschte mein Leben. Ich stand kurz vor dem Herzinfarkt, als das Wunder geschah. Ich verlor meinen timeplaner.
Seitdem habe ich wieder Zeit. Ich lebe ruhig und zufrieden. Fragt man mich nach meinen Zielen für die Zukunft, dann antworte ich, dass nur glücklich ist, wer von allen Wünschen frei ist und keinen timeplaner besitzt.
 

Der Anrufbeantworter

Es war ein schöner Frühlingsabend. Genau das richtige Wetter, um mit meiner Freundin Karen einen kleinen Spaziergang zu machen. Ich rief sie an. Am Telefon meldete sich einen fremde, männliche Stimme. Sie erzählte mir, dass ich Karens Nummer gewählt habe, und ich solle bitte eine Nachricht hinterlassen. Ich legte erschrocken auf.
"Seit wann hast du einen Anrufbeantworter?" fragte ich Karen bei unserem nächsten Treffen.
"Oh, er ist ganz neu", sagte sie.
"Aber er hat eine männliche Stimme."
"Das ist das neueste Modell", sagte sie. "Der Anrufbeantworter, der mitdenkt. Du brauchst überhaupt nichts mehr zu tun. Er macht alles selbst."
Ich hatte schon immer meine Vorbehalte gegen Anrufbeantworter. Aber Karens Gerät machte mich wirklich nervös. Ein seltsames Unbehagen, das ich im Gespräch mit dieser Maschine empfand, ließ mich nicht los. Sprach ich auf das Band, glaubte ich manchmal ein meckerndes Lachen am anderen Ende der Leitung zu hören, und seine Stimme am Schluss meiner Nachricht: "Ich danke für Ihren Anruf", schien einen höhnischen Unterton zu besitzen.
"Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Anrufbeantworter", sagte ich zu Karen.
"Warum?" fragte sie.
"Ich glaube, er mag mich nicht."
Sie lachte. "Das bildest du dir nur ein."
Ich versuchte, den Anrufbeantworter zu ignorieren. Doch ich konnte seine Abneigung immer deutlicher spüren. Wenn ich Karen am Telefon meine Liebe schwor, war mir, als hörte ich ein Schnarchen im Hintergrund. Zu ihrem Geburtstag wollte ich ihr ein Gedicht auf das Band sprechen. Ich begann mit einer sensiblen Beschreibung meines Gemütszustandes. Die scheppernde Stimme des Anrufbeantworters unterbrach mich: "Verschwenden Sie wertvolle Telefoneinheiten nicht mit sentimentalem Geplapper. Fassen Sie sich kurz." Empört legte ich auf.
Beim nächsten Treffen mit Karen war ich entschlossen, klare Verhältnisse zu schaffen.
"Ich oder dieser Anrufbeantworter," sagte ich. "Er muss verschwinden."
Karen sah mich lange und nachdenklich an.
"Nun ja", sagte ich. "Ich meine ja nur, dass du mich öfters mal zurückrufen könntest."
In den folgenden Wochen zeigte der Anrufbeantworter sein wahres Gesicht. Kaum begann ich zu sprechen, unterbrach er mich. Meine weinerliche Stimme sei einfach nicht mehr zu ertragen, höhnte er. Karen erreichte ich kaum noch. Meine Beziehung zu dem Anrufbeantworter wurde immer gespannter. Als er mich ein jämmerliches Weichei nannte, rastete ich aus. Ich beschimpfte ihn am Telefon.
Dann holte ich eine Axt, brach in Karens Wohnung ein und zerschlug die Maschine in tausend Stücke.
Nach diesem Vorfall verließ mich Karen. Mich verurteilte der Richter zu einer Therapie bei einem Psychiater. Ich lerne hier den richtigen Umgang mit Anrufbeantwortern. Wenn ich jetzt auf ein Band spreche, erzähle ich erst ein paar Witze, um die Situation zu entspannen. Es geht schon viel besser. Nur das Modell, das Karen hatte, macht mir noch Probleme. Aber mein Psychiater sagt, das sei nur eine Frage der Zeit.