Briefe, die nie geschrieben wurden: der Bundespräsident an Bild-Chefredakteur Kai Diekmann.
Lieber Kai Diekmann,
ich schreibe diesen Brief in großer Erregung. Ich habe kaum Zeit, gleich kommt das Diplomatische Corps und eben hat der Emir angerufen, immer wieder der Emir.
Aber ich muss mir diese fünf Minunten nehmen, um Ihnen zu schreiben.
In den letzten Tagen habe ich oft darüber nachgedacht, wie es so weit kommen konnte.
Was für eine wunderbare Freundschaft verband uns am Anfang. Sogar dasselbe Vorbild hatten wir: Karl-Theoder zu Guttenberg.
Ich wählte meine Brillen aus nach seinem Bilde. Und Ihr ölig gewelltes Haar glänzte in der Sonne, als hätten Sie Guttenbergs letzte Haargelvorräte geklaut.
Doch damals gab es schon die ersten Warnungen von Besserwissern:
"Wer mit der Bild in die Bar geht, versäuft sein ganzes Hirn."
"Wer mit der Bild ins Bett steigt, hat noch nie ein Hirn besessen."
"Wer dann noch mit der Bild frühstückt, verdient auch kein Hirn."
So haben sie geredet. Und ich habe die Gefahr nicht gesehen, ich ließ mich blenden vom Glanz Ihrer schwarzen Haare.
Bis es diesen verhängnisvollen Anruf gab. Ich war in Kuwait, Sie in New York, wir beide fern der Heimat.
Ich musste gleich zum Emir. Der Emir wartet, rief Bettina aus dem Nebenzimmer und ich, das Staatsoberhaupt, hoffte so sehr, dass Sie abnehmen und nicht die kalte gefühllose Stimme der Mailbox ertönen würde.
Doch mein Hoffen war umsonst.
Ich muss gleich zum Emir, rief ich in den Hörer. Was ich weiter sagte, ich weiß es nicht mehr. Mein Herz floß über. Ich, das Staatsoberhaupt, kannte mich nicht mehr.
Können Sie sich meine Situation vergegenwärtigen? Die Hitze, die Termine, im Nebenzimmer Bettina, und der Emir wartete und wartete. Die Enttäuschung ließ mich alles vergessen, Wut auf Sie und Ihre Journalistenkollegen überwältigte mich.
Als ich später dem Emir von dem unseligen Anruf erzählte, fragte er, warum ich als Staatsoberhaupt Journalisten wie Sie nicht einfach den Krokodilen zum Fraß vorwerfen würde.
So viele Krokodile haben wir nicht in Deutschland, antwortete ich verzweifelt. Außerdem gibt es die Pressefreiheit in Deutschland, ein hohes Gut, sagte ich leise. Krokodile waren keine Lösung.
Welche Enttäuschung, als ich erfuhr, dass Sie meine vertraulichen Worte, meine im Übermaß der Gefühle gesprochenen Sätze Ihren Kollegen erzählten. Und die Zeitungen druckten Auszüge meines Anrufs, verdrehten die Worte, behaupteten Ungeheuerliches.
Und wieder musste ich mir vorwurfsvolle Sätze von Besserwissern anhören:
"Wer mit der Bild Aufzug fährt, landet immer im Keller."
Warum mussten sie nur recht behalten?
Lieber Kai Diekmann, ich muss mich beeilen, gleich kommt das Diplomatische Corps. Und der Emir hat schon wieder angerufen. Er will mir zwanzig Krokodile für die Journalisten ins Schloss Bellevue schicken.
Ich muss ihm noch sagen, dass wir hier auf dem Schloss gar keinen Platz für Krokodile haben. Denn Bettina braucht den ganzen Platz für ihre Kleider.
Könnten wir, Sie und ich, doch nur unter vier Augen sprechen, von Staatsoberhaupt zu Journalist, und die ganzen Missverständnisse ausräumen.
Kommen Sie vorbei auf einen Besuch, Sie sind jederzeit willkommen. Und machen Sie sich keine Sorgen, dass Sie Übernachtungsgeld zahlen müssen. Sie wohnen hier auf Kosten Deutschlands. Doch jetzt muss ich schließen, der Emir wartet auf meinen Anruf.
Mit den herzlichsten Grüßen
Ihr Staatsoberhaupt Christian Wulff
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