Positiv denken
Vor zwei Jahren begann meine Krise. Ich kam von der Arbeit heim und stellte fest, dass sich seit zehn Jahren nichts verändert hatte. Meine Wohnung war wie immer, das Essen war wie immer und auch das Fernsehprogramm war schlecht, wie immer.
Abends saß ich im Garten. Ich hörte mir die Nörgeleien meines Nachbarn Hermann an. Er schimpfte über die Politiker und die steigenden Preise. Das tat er jeden Abend. Mich überfiel eine tiefe Verzweiflung.
Ich ging in meine Stammkneipe. Dort traf ich meinen alten Schulfreund Ralf. Ich erzählte ihm alles. Ralf legte mir tröstend die Hand auf die Schulter.
"Du hast eine Krise", sagte er. "Das Wichtigste ist jetzt die richtige Einstellung."
Er empfahl mir das Buch "Glück und Erfolg durch positives Denken".
Ich kaufte das Buch und begann, positiv zu denken. Am Abend kam ich nach der Arbeit heim. Im Garten schimpfte Hermann auf die Ärzte. Er könne seine linke Hand vor Schmerzen kaum bewegen, aber kein Arzt würde ihm helfen.
"Du musst positiv denken", sagte ich zu Hermann. "Als Rechtshänder kannst du froh sein, dass es die linke Hand ist."
Hermann warf mir mit seiner rechten Hand eine Gartenschaufel an den Kopf.
Dann entdeckte ich in einer Buchhandlung den Ratgeber "Glück und Erfolg durch richtiges Atmen".
Ich kaufte das Buch und lernte das richtige Atmen. Ich war begeistert. Abends im Garten machte ich meine Atemübungen. Mein Nachbar Hermann schimpfte wieder auf die Politiker und die steigenden Preise.
"Du bist schlechter Stimmung, weil du nicht richtig atmest," sagte ich ihm. "Nur wer richtig atmet, erreicht Glück und Zufriedenheit."
In den folgenden Wochen erfuhr ich, dass richtiges Atmen und positives Denken nicht reichten. Ich entdeckte die kosmische Dimension der inneren Kraft.
Meine Schwester schenkte mir das Buch "Glück und Erfolg durch Meditation".
Ich atmete richtig, meditierte und dachte positiv. Ich hatte kaum noch Zeit, an meine Krise zu denken.
Hermann im Garten schimpfte immer noch über die Politiker und die steigenden Preise.
"Du sendest negative Impulse aus", sagte ich ihm. "Du musst meditieren."
Eines Tages kam ich nach Hause und etwas war anders. Hermann war verschwunden.
Ich schaltete den Fernseher ein. In einer Talkshow saß Hermann und schimpfte auf die Politiker und die steigenden Preise.
Hermann war berühmt geworden, erfuhr ich. Er hatte ein Buch geschrieben: "Das Anti-Ratgeber-Buch".
Das, was die Menschen unglücklich mache, schrieb Hermann, seien die klugen Ratschläge der anderen. Ruhe und inneren Frieden finde nur der, der niemals auf Ratgeber höre.
Vor allem nicht auf Nachbarn, die einem Wege zu Glück und Erfolg versprechen.
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