Unique Selling Point

Er war klein, hatte eine spitze Nase und trug einen perfekt sitzenden, schwarzen Anzug. Er lächelte, als er meinen kleinen Zeitungskiosk betrat. Er lächelte überhaupt immer.
Balthasar Schmidt von Consulting-Consulting, der größten Beraterfirma in Europa. Ich blickte misstrauisch auf seine Visitenkarte.
"Sie denken jetzt sicher," sagte er,  "das ist wieder so eine Pappnase, die Ihnen etwas verkaufen will. Aber das Gegenteil ist der Fall. Ich will, dass Sie mehr verkaufen." Ich warf ihn hochkant aus dem Laden. Meine Aushilfe Kurt holte sich das vierte Bier aus dem Kühlschrank und sah stumm hinter ihm her.
Es kam eine Krise, es war Sommer, die Leute kauften weniger Zeitungen, ich war soweit. Als Balthasar Schmidt wieder in meinem Laden erschien, hörte ich mir seine Vorschläge an. „Optimierung der Arbeitsabläufe, ein neues Image und eine Zertifizierung. Das sind die Schritte auf dem Weg zum Erfolg."
„Ein neues Image?", fragte ich.
Schmidt lächelte wieder. "Was sind Sie eigentlich?" fragte er mich. Ich zuckte die Schultern: „Ein Kioskbesitzer."
„Oh nein", sagte Balthasar Schmidt. „Ab heute sind Sie ein Shop-Director und Ihre Aushilfe ist der Shop-Assistant."
"Shop-Assistant", wiederholte Kurt. "Das klingt super."
Von nun an hatten wir wöchentliche Teamsitzungen. Balthasar Schmidt hatte den Shop-Assistant Kurt zu einem Supervisor gemacht, der alle Arbeitsabläufe in unserem Kiosk genau notierte. Dies führte dazu, dass ich auch noch Kurts Arbeit machen musste.
Bei der nächsten Sitzung präsentierte uns Balthasar Schmidt die Ergebnisse des Supervisors Kurt.
„Der Knackpunkt", sagte Balthasar Schmidt, „liegt in der fehlenden Kundenbeziehung. Der unique selling point der Produkte wird überhaupt nicht deutlich."
Ich verstand nur Bahnhof.
„Was verkaufen Sie?", fragte mich Balthasar Schmidt. „Na ja", sagte ich. „Zeitungen und Zigaretten."
Balthasar Schmidt schüttelte den Kopf.
„Oh nein. Sie verkaufen Emotionen. Sie müssen dem Kunden deutlich machen, was für eine großartige Entscheidung er mit dem Kauf einer Zeitung trifft. Denn der Kunde kauft hier nicht nur eine Zeitung, er kauft eine Erfahrung, die sein Leben verändert."
Wenn ich jetzt einem Kunden die Zeitung überreichte, sagte ich einen kurzen Satz dazu: „Denken Sie daran, dieser Kauf kann Ihr Leben verändern." Manche Kunden blickten erschrocken auf die Zeitung. Andere sahen mich nur stumm an. Die Verkaufszahlen stagnierten.
„Der nächste Schritt", sagte Balthasar Schmidt, „ist eine Zertifizierung Ihres Ladens."
Für die Zertifizierung wurde ein Innovationskomitee eingerichtet, das aus Shop-Assistant Kurt bestand.
„Allein schaffe ich das nie", sagte Kurt. Er forderte einen Assistenten, einen Shop-Assistant-Assistant.
Ich sah Balthasar Schmidt fragend an. „Wenn Sie zertifiziert werden wollen, ist das wohl nötig", sagte er.
Als Shop-Assistant-Assistant stellte Kurt seine Freundin Manuela ein. Die erste Idee des Innovationskommitees war es, zwei Fragebögen zu entwerfen. Einen Fragebogen für die Kunden des Ladens. Und einen internen Fragebogen für die Shop-Assistants.
„Eine wunderbare Idee", sagte Balthasar Schmidt. „Diese Fragebögen werden die Zertifizierung sicher beschleunigen."
Ich drückte jedem, der in den Laden kam, einen Fragebogen in die Hand. Doch sobald ein Kunde bemerkte, das er fast zehn Seiten umfasste, legte er ihn wieder zur Seite. Andere täuschten Kopfschmerzen vor oder verließen fluchtartig den Laden. Nur der interne Fragebogen wurde von Shop-Assistant Kurt und Shop-Assistant-Assistant Manuela sorgfältig ausgefüllt.
Bei der Auswertung kam heraus, dass die beiden Shop-Assistants unter mangelnder Motivation litten. Ihnen fehlte die Anerkennung durch den Shop-Director.
Balthasar Schmidt wiegte bedenklich den Kopf. „Für eine Zertifizierung ist eine gute Motivation der Mitarbeiter unerlässlich."
Das Innovationskomitee hatte diesbezüglich sofort Vorschläge. Ich sollte doch öfters die Shop-Assistants mit lobenden Worten anspornen. Und eine Erhöhung ihrer Bezüge würde ihre Motivation sicher fördern.
Die beiden Shop-Assistants erhielten mehr Geld. Und ich versuchte, sie öfters zu loben.
„Gute Arbeit", sagte ich, wenn der Shop-Assistant Kurt sich das vierte Bier aus dem Kühlschrank holte.
Unsere unablässigen Bemühungen um Qualitätsverbesserungen zeigten endlich Erfolg. Eines Tages kam ein großer Umschlag mit der Post. Darin war die Urkunde, dass mein Kiosk der erste zertifizierte Newsshop der Stadt sei. Ich hängte die Zertifikatsurkunde sofort an der Eingangstür auf.
Seitdem sind Wochen vergangen. Die Situation in meinem Kiosk hat sich leider nicht verbessert. Kunden habe ich fast keine mehr. Einer meiner Freunde sagte mir, dass die meisten Angst vor dem Fragebogen hätten.
Meine Shop-Assistants kosten mich ein Heidengeld. Arbeiten für mich können sie jedoch nicht, da sie die ganze Zeit mit dem Innovationskomitee beschäftigt sind. Kürzlich musste ich sogar Schulden aufnehmen, um die horrende Rechnung von Consulting-Consulting zu bezahlen.
Aber als Balthasar Schmidt vor kurzem in meinem Kiosk auftauchte, meinte er, das seien nur Anfangsschwierigkeiten. Bald werde mein Newsshop glänzende Gewinne abwerfen.
„Denn Sie dürfen nie vergessen. Sie sind jetzt zertifiziert."