Das neue Image

Vierter Stock. Werbeagentur Kampschulte.
Der Weihnachtsmann hatte ein ungutes Gefühl, als er aus dem Fahrstuhl stieg.
Ein neues Image für den Weihnachtsmann. Was hatten die da oben bloß wieder für Einfälle.
"Sehen Sie, „ sagte Jan Kampschulte bei der Begrüßung, "so wie Sie aussehen. Das ist das Problem."
Jan Kampschulte wirkte jung und dynamisch. Der Weihnachtsmann sah ratlos an sich herunter.
"Ein Kerl in einem alten, mottenzerfressenen roten Mantel mit einem Rauschebart", meinte Kampschulte. "Das ist völlig out. Ich stelle mir da etwas ganz anderes vor."
Der Weihnachtsmann blickte auf die Zeichnung, die Kampschulte auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Da stand er, der neue Weihnachtsmann, rasiert, mit einem modernen Kurzhaarschnitt in einem knallengen roten Kostüm.
"Sie haben doch eine prächtige Figur." Kampschulte schlug den Weihnachtsmann leicht gegen die Brust. "Was für ein Brustkasten. Das wollen wir nicht länger hinter einem hässlichen Mantel verstecken."
Der Weihnachtsmann überlegte. Ja, er hatte wirklich ziemliche Muskeln. Das viele Säckeschleppen und die anstrengenden Schlittenfahrten, da setzte man nicht so schnell an. Er war nicht eitel, das nicht. Aber eine schlechte Figur würde er in dem engen Kostüm sicher nicht abgeben.
"Und dazu das passende Fahrzeug." Kampschulte breitete eine zweite Zeichnung vor dem Weihnachtsmann aus. "Das Nikolausmobil".
"Ihr alter Schlitten mit den Rentieren", lächelte Kampschulte. "Das ist doch nicht mehr zeitgemäß."
Der Weihnachtsmann beugte sich über die Zeichnung. Kampschulte stand neben ihm.
"250 PS. In drei Sekunden sind Sie von von 0 auf 100 km/h", flüsterte er ehrfürchtig. "Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie fahren, nein Sie flitzen mit ihrem Nikolausmobil durch die Winterlandschaft und neben Ihnen eine attraktive, junge Dame in engem Minirock und schwarzen Netzstrümpfen."
Der Weihnachtsmann sah erstaunt auf. "Welche junge Dame?" "Na, das Christkind bekommt natürlich auch ein neues Image", meinte Kampschulte, "mehr Sexappeal, ein kurzer Minirock, ein engansitzendes Kostüm. Sie werden ein prächtiges Paar abgeben."
Der Weihnachtsmann stellte sich das Christkind in einem kurzen Minirock vor. Die Idee begann ihm zu gefallen. Sie gefiel ihm sogar sehr gut.
"Was glauben Sie", meinte Kampschulte, "was Sie dieses Jahr für einen Erfolg bei den Kindern haben. Niemand wird Sie mehr einen Weihnachtsgrufti nennen oder einen alten Tattergreis. Sie werden der Star des Jahres sein."
Der Weihnachtsmann blickte nachdenklich auf die Zeichnung. Das hörte sich gut an, was Kampschulte sagte, sehr gut hörte sich das an. Kampschulte lächelte, als er das zufriedene Gesicht des Weihnachtsmannes sah. Dann ging er zurück zu seinem Schreibtisch. Er hinkte leicht.
Irgendwo, dachte der Weihnachtsmann, ist bei der ganzen Geschichte noch ein Pferdefuß. Er wusste nur noch nicht, wo.