Unvermuteter Hausbesuch

Letzte Woche besuchte mich mein Abgeordneter. Nachdem er in meinem Wohnzimmer Platz genommen hatte, kam er gleich zur Sache. "Nach den letzten Wahlen", erklärte er mir, "haben wir Politiker uns überlegt, dass wir vielleicht wieder den Kontakt zu gewöhnlichen Leuten suchen sollten, dass wir mal einen Hausbesuch machen könnten".
"Hausbesuch?" fragte ich verwirrt. "Ja", antwortete der Abgeordnete. "Ich, Ihr Abgeordneter komme in Ihr Haus, um zu sehen, was für Probleme Sie haben und wo wir Politiker helfen können."
Ich schaute ihn sprachlos an. "Nun und", forderte mich der Abgeordnete auf, "wo fehlt's denn, wo drückt der Schuh?" Er lächelte mir aufmunternd zu.
"Tja", begann ich vorsichtig. "Es ist einfach alles so teuer". Der Abgeordnete schlug sich auf die Schenkel. "Wem sagen Sie das", meinte er. "Es ist wirklich unverschämt, was man heute bezahlen muß, unverschämt, sage ich."
"Ja", fuhr ich fort. "Es wäre ja nicht so schlimm, wenn man auch mehr Lohn kriegen würde." "Genau meine Rede", nickte der Abgeordnete. "Das ist das, was ich seit Jahren sage. Man muss mehr verdienen. Unbedingt."
"Das Problem ist," versuchte ich es nochmal, "dass die Steuer alles auffrisst."
"Da geb ich Ihnen völlig recht," unterbrach er mich. "Man bräuchte ein einfacheres, gerechtes Steuersystem. Aber es ist so schwer, das den Leuten begreiflich zu machen."
"Ja, aber ..." sagte ich. Doch der Abgeordnete ließ mich nicht ausreden. "Das freut mich, dass Sie so frei Ihre Meinung sagen," lächelte er. "Geben Sie uns ruhig ein bisschen Feuer unterm Hintern, uns Politikern. Das schadet uns gar nichts". Ich beschloß, jetzt ganz ehrlich zu sein. "Es ist auch so, dass niemand mehr einem Politiker traut. Weil Sie lügen. Heute sagen Sie das, morgen das." Ich stockte erschrocken. Der Abgeordnete machte ein bekümmertes Gesicht. War ich zu weit gegangen?
Er schwieg lange. "Sehen Sie," sagte er dann, "ich könnte mir auch ein schönes Leben machen, aber die Pflicht! Der einfache Bürger weiß ja gar nicht, was es heißt, Abgeordneter zu sein. Der sieht im Fernsehen, wie der Abgeordnete gerade mit dem Dienstwagen einen Urlaub macht, und der Bürger denkt, der Abgeordnete lebt wie Gott in Frankreich. Aber dass wir uns aufopfern für den Staat, das sieht niemand. Und was ist der Lohn? Die Leute achten den Politiker nicht. Das ist der Lohn."
Er lehnte sich erschöpft zurück. Verstohlen wischte er sich eine Träne aus dem Gesicht. Es dauerte eine Stunde, bis ich meinen Abgeordneten wieder aufgerichtet hatte. Danach stand er auf, um sich zu verabschieden. Plötzlich grinste er und boxte mir freundschaftlich an die Schulter. "Sie haben es mir ja gegeben," meinte er. "Richtig erfrischend war das. Ganz schön Dampf haben Sie mir gemacht, aber gut so, weiter so. Uns Politikern schadet das gar nichts." Dass wir so ein nettes Schwätzchen bald wieder mal halten müßten, hat er noch gemeint, und dann war er schon wieder weg.