Der Anrufbeantworter

Es war ein schöner Frühlingsabend. Genau das richtige Wetter, um mit meiner Freundin Karen einen kleinen Spaziergang zu machen. Ich rief sie an. Am Telefon meldete sich einen fremde, männliche Stimme. Sie erzählte mir, dass ich Karens Nummer gewählt habe, und ich solle bitte eine Nachricht hinterlassen. Ich legte erschrocken auf.
"Seit wann hast du einen Anrufbeantworter?" fragte ich Karen bei unserem nächsten Treffen.
"Oh, er ist ganz neu", sagte sie.
"Aber er hat eine männliche Stimme."
"Das ist das neueste Modell", sagte sie. "Der Anrufbeantworter, der mitdenkt. Du brauchst überhaupt nichts mehr zu tun. Er macht alles selbst."
Ich hatte schon immer meine Vorbehalte gegen Anrufbeantworter. Aber Karens Gerät machte mich wirklich nervös. Ein seltsames Unbehagen, das ich im Gespräch mit dieser Maschine empfand, ließ mich nicht los. Sprach ich auf das Band, glaubte ich manchmal ein meckerndes Lachen am anderen Ende der Leitung zu hören, und seine Stimme am Schluss meiner Nachricht: "Ich danke für Ihren Anruf", schien einen höhnischen Unterton zu besitzen.
"Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Anrufbeantworter", sagte ich zu Karen.
"Warum?" fragte sie.
"Ich glaube, er mag mich nicht."
Sie lachte. "Das bildest du dir nur ein."
Ich versuchte, den Anrufbeantworter zu ignorieren. Doch ich konnte seine Abneigung immer deutlicher spüren. Wenn ich Karen am Telefon meine Liebe schwor, war mir, als hörte ich ein Schnarchen im Hintergrund. Zu ihrem Geburtstag wollte ich ihr ein Gedicht auf das Band sprechen. Ich begann mit einer sensiblen Beschreibung meines Gemütszustandes. Die scheppernde Stimme des Anrufbeantworters unterbrach mich: "Verschwenden Sie wertvolle Telefoneinheiten nicht mit sentimentalem Geplapper. Fassen Sie sich kurz." Empört legte ich auf.
Beim nächsten Treffen mit Karen war ich entschlossen, klare Verhältnisse zu schaffen.
"Ich oder dieser Anrufbeantworter," sagte ich. "Er muss verschwinden."
Karen sah mich lange und nachdenklich an.
"Nun ja", sagte ich. "Ich meine ja nur, dass du mich öfters mal zurückrufen könntest."
In den folgenden Wochen zeigte der Anrufbeantworter sein wahres Gesicht. Kaum begann ich zu sprechen, unterbrach er mich. Meine weinerliche Stimme sei einfach nicht mehr zu ertragen, höhnte er. Karen erreichte ich kaum noch. Meine Beziehung zu dem Anrufbeantworter wurde immer gespannter. Als er mich ein jämmerliches Weichei nannte, rastete ich aus. Ich beschimpfte ihn am Telefon.
Dann holte ich eine Axt, brach in Karens Wohnung ein und zerschlug die Maschine in tausend Stücke.
Nach diesem Vorfall verließ mich Karen. Mich verurteilte der Richter zu einer Therapie bei einem Psychiater. Ich lerne hier den richtigen Umgang mit Anrufbeantwortern. Wenn ich jetzt auf ein Band spreche, erzähle ich erst ein paar Witze, um die Situation zu entspannen. Es geht schon viel besser. Nur das Modell, das Karen hatte, macht mir noch Probleme. Aber mein Psychiater sagt, das sei nur eine Frage der Zeit.

Arizona
am  8. Juni 2009  um  07:04

Hi Gunnar,we have read your story about the phonecaller. peace out ... dingedingelingdong

Eintrag kommentieren

Hier klicken um sich zum Kommentieren einzuloggen




Graphical Security Code