Tücken der Technik
Erster Tag: Ich habe mir eine neue Uhr gekauft. Das Neueste, das auf dem Markt sei, sagte der Verkäufer. Eine Computeruhr mit über hundert verschiedenen Funktionen. Dazu eine Bedienungsanleitung über 200 Seiten. Jeder Idiot versteht sie, meinte der Verkäufer. Das beruhigt mich.
Zweiter Tag: Ein Passant hat mich auf der Straße nach der Zeit gefragt. Leider konnte ich ihm nur die Zeit in Neu-Delhi sagen, da ich erst auf Seite zehn der Bedienungsanleitung bin. Als der Fremde meine Uhr sieht, erstarrt er. "Werfen Sie die Uhr weg," flüstert er. Dann verschwindet er. Ich blicke ihm kopfschüttelnd nach.
Dritter Tag: Ich habe sechs Stunden über der Bedienungsanleitung gesessen. Ein Wunderwerk der Technik ist diese Uhr. Sie zeigt bei entsprechender Programmierung sogar die Luftfeuchtigkeit meines Zimmers an. Die Zeit in Deutschland konnte ich noch nicht einstellen. Aber ich bin ja erst auf Seite dreißig der Bedienungsanleitung.
Vierter Tag: Ich habe schlecht geschlafen. Gestern habe ich versehentlich einen stündlichen Piepston programmiert. Acht Stunden arbeite ich mit der Bedienungsanleitung, schaffe es jedoch nicht, die Programmierung wieder aufzuheben. Ich lege mich beunruhigt schlafen.
Fünfter Tag: Mitten in der Nacht hat mich meine Uhr mit einem Sirenenton geweckt. Ich habe drei Stunden gebraucht, um den Ton wieder abzustellen. Ich habe den ganzen Tag die Bedienungsanleitung gelesen, konnte aber immer noch nicht die Zeit in Deutschland einstellen. Ich fühle mich sehr müde.
Sechster Tag: Ich bin voller Tatendrang aufgestanden. Ich spüre die Bedeutung der Aufgabe. Es geht nicht nur darum, die komplizierte Technik einer multifunktionalen Uhr in den Griff zu bekommen. Es geht um die fundamentale Frage, ob der Mensch die Technik noch beherrscht oder ihr ausgeliefert ist. Ich schwitze fünf Stunden über meiner Uhr. Sie spielt plötzlich Radiomusik. Ausgerechnet den Sender, den ich nicht mag.
Siebter Tag: Es wird von Tag zu Tag beunruhigender. Die Uhr sendet Signale aus, die die elektrischen Geräte meiner Wohnung beeinflussen. Videorecorder und Kaffeemaschine schalten sich ein und aus.
Achter Tag: Ich habe zwei Tage nicht mehr die Wohnung verlassen. Ich habe Angst, jemand könnte mich nach der Zeit fragen. Die Uhr zeigt jetzt zwar eine Zeit an, aber ich weiß nicht, ob das die Uhrzeit in Chicago oder Peking ist.
Neunter Tag: Als ich wieder an den Knöpfen meiner Uhr drehe, leuchtet ein rotes Warnlicht auf. Fieberhaft suche in der Bedienungsanleitung nach dessen Bedeutung. Da explodiert die Uhr. Ich hatte den Zündmechanismus zur Abschreckung von Einbrechern eingestellt. Glücklicherweise ist kein großer Schaden entstanden.
Zehnter Tag: Ich war wieder in einem Uhrengeschäft. "Da habe ich etwas Besonderes für Sie," meint der Verkäufer. "Eine Computeruhr. Das Neueste auf dem Markt." Ich stürze bleich aus dem Laden.
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