Reality-TV

So begann alles. Ich war auf die Straße gegangen, um meine neue Videokamera unter verschiedenen Lichtverhältnissen zu testen, als ich sah, dass sich ein finsterer Kerl am Auto meines Nachbarn Hartenstein zu schaffen machte. Ich überlegte kurz. Sollte ich die Polizei rufen? Oder bei Hartenstein klingeln? Aber geschah ihm das nicht recht, wo niemand Hartenstein leiden konnte, weil er immer so mit seinem neuen Wagen angab? Und was war das für ein Motiv für meine Videokamera: ein professioneller Autoknacker bei der Arbeit.
Ich filmte ihn heimlich. Alles lief bestens. Der Autoknacker fuhr mit dem Wagen weg, und ich hatte den Film im Kasten. Ich ging dann noch zu Hartenstein, erzählte ihm davon und filmte seine Reaktion. Hartenstein machte ein Gesicht, als hätte er einen Skorpion verschluckt.
Im Reality-TV lief mein Video. Ein echter Autoeinbruch mit einem echten Autoknacker und dem echt bescheuerten Gesicht von Hartenstein.
Nach diesem ersten Erfolg wusste ich, wo meine Zukunft lag. Filmemacher von Reality-TV. Doch der Anfang war schwer. Vier Tage lief ich Tag und Nacht durch die Straßen auf der Suche nach aufregenden und verbrecherischen Motiven. Aber nichts passierte. Kein Autoeinbruch, kein Überfall auf ein Juweliergeschäft, nicht mal ein kleiner Mordversuch oder eine Wirtshausschlägerei. Nichts.
Doch dann hatte mein Schwager Hans die Idee. "Du fährst bei uns im Rettungswagen mit", sagte er zu mir. "Und da filmst du mich bei meinen gefährlichen Einsätzen." Hans ist Sanitäter und erlebt jeden Tag Geschichten, wie der Fernsehzuschauer sie sehen will.
"So ein richtiger Autounfall mit Schwerverletzten und Totalschaden", sagt Hans immer, "das ist spannender als jeder Hollywood-Film."
Mir war sofort klar, dass das Angebot meines Schwagers die Chance meines Lebens war. Inzwischen laufen kaum mehr Reality-TV-Sendungen ohne meine Filme. Doch leider gibt es immer wieder unerfreuliche Ereignisse bei meiner Arbeit. Schwerverletzte und Kranke, deren Egoismus und Habgier die schönsten Szenen zerstören.
Da treffen wir auf Verletzte, die plötzlich eine Coca-Cola-Flasche ins Bild halten und so auf Werbeeinnahmen hoffen. Oder blutüberströmte Unfallopfer, die in die Kamera winken und ihre Oma in Osnabrück grüßen. Da ist die Dramatik natürlich im Eimer.
Aber was kürzlich passierte, hat alles übertroffen. Eine Szene, die haufenweise Einschaltquoten gebracht hätte. Eine Karambolage mit drei Autos und einem Eingeschlossenen. Doch als ihn Hans endlich aus dem Auto befreit hatte, war er schon tot. Hans und ich haben das nicht verstanden. Da hat einer die Chance, zur besten Sendezeit ins Fernsehen zu kommen und stirbt vorher. Einfach so.

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