Rivalenkämpfe
Eine Freundin machte mich darauf aufmerksam. "Ist dir noch nie aufgefallen," fragte sie mich, "dass außer dir fast niemand mehr mit Hosenträgern rumläuft?"
Ich betrachtete aufmerksam die Menschen um mich. Meine Freundin hatte Recht. Ich reagierte sofort. An einem nebligen Novembertag gründete ich mit Gesinnungsgenossen den Verein zur Rettung der Hosenträger. Zur Wahl des 1. Vorsitzenden gab es zwei Bewerber: Alfons Schmitt-Thiele und mich. Schmitt-Thiele, ein langjähriger Liebhaber von Hosenträgern, schlug in seiner Rede ein friedliches Miteinander von Gürtel- und Hosenträgern vor.
Ich dagegen setzte ganz auf Konfrontation. Wütend erklärte ich den Gürtelträgern den Krieg. "Der Kampf gegen die einengende Diktatur des Gürtels wird von heute an mein Leben und Handeln bestimmen," beendete ich meine Rede. Ich wurde frenetisch gefeiert und gewann. Schmitt-Thiele gratulierte mir mit einem säuerlichen Lächeln.
Ich machte mich sofort an die Arbeit. Mit Anzeigen und Fernsehspots startete ich einen Werbefeldzug. Es gelang mir, Prominente für unseren Kampf zu gewinnen. Immer mehr Schauspieler und Politiker zeigten sich in der Öffentlichkeit mit Hosenträgern. In Talkshows stritt ich für unsere Ziele. Ich erhielt Drohbriefe. "Wir werden dich mit deinen Hosenträgern aufknüpfen," schrieben mir fanatische Anhänger des Gürtels.
Doch nichts konnte mich aufhalten. Unsere Bewegung wurde immer größer. Ich sonnte mich in meinem Ruhm. Aber dann kam es auf einer Versammlung unseres Vereins zu schweren Vorwürfen einiger Mitglieder. Mein Rivale Schmitt-Thiele forderte meinen Rücktritt. Durch meine Eitelkeit, meinte er, hätte ich die ehrenwerten Ziele unserer Bewegung gefährdet. Die Konfrontation mit allen Gürtelträgern sei der falsche Weg.
Doch mit einer flammenden Rede konnte ich unsere Mitglieder noch einmal von meinen hehren Absichten überzeugen: "Alles was ich tat, tat ich zum Wohle der Hosenträger." Meine Worte wurden begeistert aufgenommen. Berauscht von meinem Erfolg feierte ich mit Schmitt-Thiele Versöhnung. Er schleppte mich in eine Bar. Nach dem zehnten Whisky versank alles in einen tiefen Nebel.
Am Morgen erwachte ich allein in einem Hotelzimmer. Ich bemerkte mit Schrecken, dass meine Hosenträger verschwunden waren.
Zwei Tage später platzte die Bombe. Als ich die Zeitung aufschlug, erblickte ich ein Foto, auf dem ich betrunken und mit verwirrtem Gesicht im schummrigen Licht einer Bar saß. Ich war zwar vollständig bekleidet, doch fehlten meine Hosenträger. Die Dame, die auf meinem Schoß saß, war dagegen fast völlig nackt. Sie trug nur ein Kleidungsstück: meine Hosenträger. Der Skandal war perfekt. Ich reichte meinen Rücktritt ein.
Die Aktivitäten unserer Bewegung betrachte ich seitdem aus der Ferne, doch immer noch mit großer Anteilnahme. Aber ich fürchte, dass wir auf verlorenem Posten stehen. Eines Tages werden die Hosenträger wohl vollständig von unserem Planeten verschwunden sein. Doch das hält mich nicht ab, weiterhin für unsere Sache einzutreten: "Rettet die Hosenträger!"
Tücken der Technik
Erster Tag: Ich habe mir eine neue Uhr gekauft. Das Neueste, das auf dem Markt sei, sagte der Verkäufer. Eine Computeruhr mit über hundert verschiedenen Funktionen. Dazu eine Bedienungsanleitung über 200 Seiten. Jeder Idiot versteht sie, meinte der Verkäufer. Das beruhigt mich.
Zweiter Tag: Ein Passant hat mich auf der Straße nach der Zeit gefragt. Leider konnte ich ihm nur die Zeit in Neu-Delhi sagen, da ich erst auf Seite zehn der Bedienungsanleitung bin. Als der Fremde meine Uhr sieht, erstarrt er. "Werfen Sie die Uhr weg," flüstert er. Dann verschwindet er. Ich blicke ihm kopfschüttelnd nach.
Dritter Tag: Ich habe sechs Stunden über der Bedienungsanleitung gesessen. Ein Wunderwerk der Technik ist diese Uhr. Sie zeigt bei entsprechender Programmierung sogar die Luftfeuchtigkeit meines Zimmers an. Die Zeit in Deutschland konnte ich noch nicht einstellen. Aber ich bin ja erst auf Seite dreißig der Bedienungsanleitung.
Vierter Tag: Ich habe schlecht geschlafen. Gestern habe ich versehentlich einen stündlichen Piepston programmiert. Acht Stunden arbeite ich mit der Bedienungsanleitung, schaffe es jedoch nicht, die Programmierung wieder aufzuheben. Ich lege mich beunruhigt schlafen.
Fünfter Tag: Mitten in der Nacht hat mich meine Uhr mit einem Sirenenton geweckt. Ich habe drei Stunden gebraucht, um den Ton wieder abzustellen. Ich habe den ganzen Tag die Bedienungsanleitung gelesen, konnte aber immer noch nicht die Zeit in Deutschland einstellen. Ich fühle mich sehr müde.
Sechster Tag: Ich bin voller Tatendrang aufgestanden. Ich spüre die Bedeutung der Aufgabe. Es geht nicht nur darum, die komplizierte Technik einer multifunktionalen Uhr in den Griff zu bekommen. Es geht um die fundamentale Frage, ob der Mensch die Technik noch beherrscht oder ihr ausgeliefert ist. Ich schwitze fünf Stunden über meiner Uhr. Sie spielt plötzlich Radiomusik. Ausgerechnet den Sender, den ich nicht mag.
Siebter Tag: Es wird von Tag zu Tag beunruhigender. Die Uhr sendet Signale aus, die die elektrischen Geräte meiner Wohnung beeinflussen. Videorecorder und Kaffeemaschine schalten sich ein und aus.
Achter Tag: Ich habe zwei Tage nicht mehr die Wohnung verlassen. Ich habe Angst, jemand könnte mich nach der Zeit fragen. Die Uhr zeigt jetzt zwar eine Zeit an, aber ich weiß nicht, ob das die Uhrzeit in Chicago oder Peking ist.
Neunter Tag: Als ich wieder an den Knöpfen meiner Uhr drehe, leuchtet ein rotes Warnlicht auf. Fieberhaft suche in der Bedienungsanleitung nach dessen Bedeutung. Da explodiert die Uhr. Ich hatte den Zündmechanismus zur Abschreckung von Einbrechern eingestellt. Glücklicherweise ist kein großer Schaden entstanden.
Zehnter Tag: Ich war wieder in einem Uhrengeschäft. "Da habe ich etwas Besonderes für Sie," meint der Verkäufer. "Eine Computeruhr. Das Neueste auf dem Markt." Ich stürze bleich aus dem Laden.
Reality-TV
So begann alles. Ich war auf die Straße gegangen, um meine neue Videokamera unter verschiedenen Lichtverhältnissen zu testen, als ich sah, dass sich ein finsterer Kerl am Auto meines Nachbarn Hartenstein zu schaffen machte. Ich überlegte kurz. Sollte ich die Polizei rufen? Oder bei Hartenstein klingeln? Aber geschah ihm das nicht recht, wo niemand Hartenstein leiden konnte, weil er immer so mit seinem neuen Wagen angab? Und was war das für ein Motiv für meine Videokamera: ein professioneller Autoknacker bei der Arbeit.
Ich filmte ihn heimlich. Alles lief bestens. Der Autoknacker fuhr mit dem Wagen weg, und ich hatte den Film im Kasten. Ich ging dann noch zu Hartenstein, erzählte ihm davon und filmte seine Reaktion. Hartenstein machte ein Gesicht, als hätte er einen Skorpion verschluckt.
Im Reality-TV lief mein Video. Ein echter Autoeinbruch mit einem echten Autoknacker und dem echt bescheuerten Gesicht von Hartenstein.
Nach diesem ersten Erfolg wusste ich, wo meine Zukunft lag. Filmemacher von Reality-TV. Doch der Anfang war schwer. Vier Tage lief ich Tag und Nacht durch die Straßen auf der Suche nach aufregenden und verbrecherischen Motiven. Aber nichts passierte. Kein Autoeinbruch, kein Überfall auf ein Juweliergeschäft, nicht mal ein kleiner Mordversuch oder eine Wirtshausschlägerei. Nichts.
Doch dann hatte mein Schwager Hans die Idee. "Du fährst bei uns im Rettungswagen mit", sagte er zu mir. "Und da filmst du mich bei meinen gefährlichen Einsätzen." Hans ist Sanitäter und erlebt jeden Tag Geschichten, wie der Fernsehzuschauer sie sehen will.
"So ein richtiger Autounfall mit Schwerverletzten und Totalschaden", sagt Hans immer, "das ist spannender als jeder Hollywood-Film."
Mir war sofort klar, dass das Angebot meines Schwagers die Chance meines Lebens war. Inzwischen laufen kaum mehr Reality-TV-Sendungen ohne meine Filme. Doch leider gibt es immer wieder unerfreuliche Ereignisse bei meiner Arbeit. Schwerverletzte und Kranke, deren Egoismus und Habgier die schönsten Szenen zerstören.
Da treffen wir auf Verletzte, die plötzlich eine Coca-Cola-Flasche ins Bild halten und so auf Werbeeinnahmen hoffen. Oder blutüberströmte Unfallopfer, die in die Kamera winken und ihre Oma in Osnabrück grüßen. Da ist die Dramatik natürlich im Eimer.
Aber was kürzlich passierte, hat alles übertroffen. Eine Szene, die haufenweise Einschaltquoten gebracht hätte. Eine Karambolage mit drei Autos und einem Eingeschlossenen. Doch als ihn Hans endlich aus dem Auto befreit hatte, war er schon tot. Hans und ich haben das nicht verstanden. Da hat einer die Chance, zur besten Sendezeit ins Fernsehen zu kommen und stirbt vorher. Einfach so.


