Vom Glück

Es ist jetzt schon länger her, dass ich gemeinsam mit dem Gitarristen Gerhard Bauer auf verschiedenen Veranstaltungen mit dem Programm Lyrik und Gitarre aufgetreten bin. Bei diesen Veranstaltungen haben wir auch einige gemeinsame Stücke vorgetragen. Eines dieser Stücke möchte ich auf meinem Blog vorstellen. Der Titel: Vom Glück. Um „Vom Glück" anzuhören bitte hier klicken. Der Text ist von mir. Die Musik hat Gerhard Bauer komponiert.

 

Vom Glück

Aber heute am Tag
war eine Frage.
Wie lange ist das her,
dass du glücklich warst?
Beinahe habe ich vergessen,
wie sich das anfühlt:
Glück.

Wenn ich glücklich bin,
gebe ich sehr auf mich acht.
Ich packe den Augenblick und sage:
Jetzt.
Das ist das Glück.
Atme tief ein.
Merk es dir gut.

Das Blut in deinen Adern
tanzt und singt.
Der Asphalt
wiegt sich in deinen Schritten
wie ein Kornfeld.
Merk es dir gut.

 

Von denen die dagegen sind

Von denen die dagegen sind
Sind einige die sind dagegen
Weil sie es gut finden
Dagegen zu sein
Wo doch viele dafür sind.

Von denen die dagegen sind
Sind auch einige
Die wären dafür
Könnten sie nur unter denen sein
Die dafür sind
Weil es ihnen nützt
Dafür zu sein
Doch weil sie unter denen nicht sind
Nützt es ihnen mehr
Dagegen zu sein.

Andere von denen
Die dagegen sind
Könnten auch dafür sein
Ohne dass wir es merkten
Diese sind wie ein Tropfen im reißenden Fluss.

Doch es gibt einige
Und das macht mir Hoffnung
Von denen die dagegen sind
Die sind dagegen
Weil sie nicht dafür sein können
Die sehen Unrecht
Und sind empört
Die fragen
Und erhalten keine Antwort
Die sehen Not
Und wollen helfen
Das alles könnten sie nicht
Wären sie dafür.

 

Die Gehaltserhöhung

Mein Chef Anton Breitenbach saß freundlich lächelnd hinter seinem Schreibtisch. Ich atmete tief durch. Diesmal musste ich hart bleiben.
"Es geht", sagte ich, "um meine Gehaltserhöhung. Ich bin jetzt zwanzig Jahre bei der Firma und hatte noch keine Gehaltserhöhung." Breitenbach sah mich nachdenklich an.
"Was machen Sie heute abend?" fragte er plötzlich. "Ich gehe ins Kino", antwortete ich überrascht. "Kino." Er blickte sinnend vor sich hin. "Wie lange ist das her, dass ich das letzte Mal im Kino war?" Er schüttelte den Kopf. Dann erzählte er mir, dass er fast jeden Abend bis um elf arbeiten müsse. Alles wegen der Firma. Und wer danke es einem? Niemand.
Zwei Stunden ging das so. Am Schluss sagte Breitenbach, wegen der Gehaltserhöhung solle ich noch einmal in zwei Jahren kommen.
Und ich nickte. Das war mein Problem. Mir fehlte einfach das Durchsetzungsvermögen.
Ich machte einen Kurs an der Volkshochschule: Selbstbewusstsein und sicheres Auftreten im Alltag. Danach wagte ich einen neuen Versuch.
"Gehaltserhöhung?" Breitenbach lächelte. "Sie geben wohl nie auf", sagte er. Ich wartete. Diesmal schien es zu klappen. Doch auf einmal wurde Breitenbach ganz grün im Gesicht. Er sah mich starr an. Dann kippte er vom Stuhl.
"Meine Herztabletten," flüsterte er mit erstickter Stimme. "In der Jackentasche."
Nachdem ich ihm mit zitternden Fingern die Tabletten gereicht hatte, bat mich Breitenbach, ihn allein zu lassen. Er müsse sich erholen. Die Gehaltserhöhung erwähnte er nicht mehr.
Eine Stunde später traf ich Breitenbach beim Tennisspielen. Er hatte mich wieder hereingelegt. "Ein gemeiner Trick", sagte ich. Er hob abwehrend die Hände. Dann holte er ein Photo aus seiner Brieftasche. Es zeigte eine alte Frau. "Meine Mutter", sagte er. "Sie ist schwer krank."
Fast alles Geld, das Breitenbach verdiene, würde er für eine teure Operation bei einem amerikanischen Spezialisten sparen. Ich war erschüttert. Natürlich verzichtete ich auf meine Gehaltserhöhung.
Als ich meinen Kollegen von Breitenbachs Großherzigkeit erzählte, lachten sie. Ich erfuhr, dass seine Mutter seit zehn Jahren tot war.
Wütend ging ich zu Breitenbach. "Ich lasse mich nicht mehr abspeisen", schimpfte ich. "Gut", sagte er. "Sie bekommen Ihre Gehaltserhöhung." Doch dann fing er wieder an zu röcheln.
"Meine Herztabletten", keuchte er. Ich verschränkte die Arme und lehnte mich zurück. "Ich kenne den Trick", sagte ich. Doch Breitenbach kippte vom Stuhl und war tot.
Bei der Testamentseröffnung gab es eine große Überraschung. Breitenbach vererbte mir die Firma. Nur ich hätte das Durchsetzungsvermögen und die Hartnäckigkeit, die Firma zu führen. So stand es in seinem Testament.
Seitdem bin ich der Chef. Öfters kommen Mitarbeiter, die eine Gehaltserhöhung wünschen. Dann erzähle ich ihnen, dass ich Tag und Nacht nur für die Firma arbeite. Oder ich zeige ihnen das Photo von meiner schwerkranken Mutter. Ich habe viel von Breitenbach gelernt. Nur auf den Trick mit dem Herzanfall verzichte ich. Der ist mir einfach zu gefährlich.