Gute Vorsätze
Silvester vor vier Jahren. Alfred war damals gerade Abgeordneter geworden und wir sprachen lange darüber, dass heutzutage niemand mehr einem Politiker trauen würde.
Unser Gespräch hatte Alfred nachdenklich gemacht. "Weißt du", sagte er ziemlich betrunken kurz vor 12 zu mir, "das mit den guten Vorsätzen für das neue Jahr habe ich immer für einen Blödsinn gehalten. Aber diese Vorwürfe, wir Politiker würden immer nur lügen, das hat mich wirklich getroffen. Und deshalb verspreche ich dir, dass ich im nächsten Jahr nicht mehr lügen werde." Seine Stimme klang auf einmal sehr feierlich.
Das, was er jetzt gesagt habe, meinte er, das sei seine letzte Lüge gewesen, Ehrenwort.
Alfreds Rede hatte mir imponiert. Ich spürte plötzlich auch das Verlangen, ein besserer Mensch zu werden und beschloss spontan, im neuen Jahr das Trinken aufzugeben. Ich war kein Alkoholiker, das nicht, aber nach meiner letzten Zechtour war ich in einem Hotelzimmer neben einer Frau aufgewacht, die mir völlig fremd war, in einem Schlafanzug, der nicht mir gehörte und der Hotelportier hatte mir auf meine Frage nach der Zeit in einem afrikanischen Suaheli-Dialekt geantwortet. Das hatte mir zu denken gegeben.
Meinen guten Vorsatz durchzuhalten, war nicht einfach. Aber ich schaffte es. Der Erfolg machte mir Mut.
Silvester vor drei Jahren gab ich das Rauchen auf. Fünf Minuten vor Neujahr trat ich meine letzte Zigarette aus. Im nächsten Jahr beschloss ich, meine Ernährung radikal umzustellen. Kein Fleisch mehr, keine Süßigkeiten, damit ich endlich mein Idealgewicht erreichen würde. Auch das gelang mir ohne größere Schwierigkeiten.
Einen guten Vorsatz für das folgende Jahr zu finden war nicht einfach. War mein Leben doch jetzt gänzlich frei von Lastern und schlechten Gewohnheiten. Weil mich meine konsequente Lebensführung etwas unduldsam mit meinen willensschwachen Mitmenschen gemacht hatte, beschloss ich, tolerant und gütig zu werden und alle Raucher, Trinker und Dicken zu verstehen.
Gewiss, es ist eine gute Sache, wenn man alle seine Vorsätze erfüllt. Doch bin ich in letzter Zeit sehr einsam geworden. Meine Freunde kommen kaum noch vorbei. Sie sagen, es sei nicht auszuhalten mit einem Menschen, der keinerlei Laster oder schlechte Angewohnheiten besitze.
Auch habe ich in der Zeitung gelesen, dass mein alter Schulfreund, der Politiker Alfred Mock, in einen riesigen Korruptionsskandal verwickelt ist. Er hat mich also belogen mit seinen guten Vorsätzen. Oder habe ich das nicht richtig verstanden? In diesem Jahr habe ich die Konsequenz gezogen. Ich habe den Vorsatz gefasst, mir ein kleines Laster zu gönnen und fange wieder mit dem Rauchen an.
Sorgenfresser
Ich weiß, ich mache mir zuviel Sorgen. Jeder sagt das. Aber ist das ein Wunder in der heutigen Zeit? Katastrophen, wohin man sieht.
Wenn ich die Zeitung aufschlage, beginnen meine Sorgen. Wer stoppt den Friseur von Angela Merkel? Und wann findet Boris Becker endlich die richtige Frau? So viele Gründe gibt es, sich Sorgen zu machen.
Ich war deswegen auch schon beim Psychiater. Er hat sich meine Sorgen aufmerksam angehört. Am Ende wiegte er nachdenklich den Kopf. "Ich mache mir ernstlich Sorgen um Sie", sagte er. Das schien mir ein viel versprechender Anfang.
Doch dann erzählte mir mein Psychiater von seinen Sorgen. Dass die grünen Verkehrsampelmännchen jetzt eine Gewerkschaft gegründet hätten, meinte er, das mache ihm wirklich Sorgen.
"Sie müssen sich das vorstellen", erklärte er mir. "Berufsverkehr am Montagabend und alle grünen Verkehrsampelmännchen in Deutschland streiken. Eine Horrorvorstellung."
Nach diesem Gespräch verließ ich meinen Psychiater. Es gibt ja wirklich ernstere Dinge, um die man sich sorgen muss.
Meine Sorgen wuchsen von Tag zu Tag. Da traf ich meinen alten Schulfreund Herbert. Ich erzählte ihm alles in einer Kneipe. "Schon wenn ich zur Tür hinausgehe", sagte ich, "habe ich Angst, ich könnte auf einer Bananenschale ausrutschen."
"Oder was noch schlimmer wäre", meinte Herbert. "Du weichst der Bananenschale aus und fällst dabei in einen zufällig offen stehenden Lüftungsschacht."
"Und wenn ich außer Haus bin", sagte ich, "mache ich mir Sorgen, dass jemand meine Wohnung ausraubt."
"Oder was noch schlimmer wäre", meinte Herbert. "Du kommst heim, die Wohnung ist ausgeraubt, und wenn du auf die Straße läufst, um die Polizei zu holen, fliegst du in einen zufällig offen stehenden Lüftungsschacht."
"Oder", sagte ich. "Ich gehe sorglos durch die Stadt und mir fällt ein Blumentopf auf den Kopf."
"Und du torkelst danach orientierungslos auf der Straße und fällst in einen offen stehenden Lüftungsschacht", meinte Herbert.
Ich nickte glücklich. Endlich hatte ich jemanden gefunden, der mich verstand. Schließlich erklärte mir Herbert, wie ich mich endlich von meinen Sorgen befreien könnte.
Es stellte sich heraus, dass Herbert Versicherungsvertreter war. Er habe da ein tolles Angebot für mich. Gegen Blumentöpfe, die auf den Kopf fallen, gegen Wohnungseinbrüche und vor allem gegen zufällig offen stehende Lüftungsschächte.
Seitdem ich die Versicherungen bei Herbert unterschrieben habe, mache ich mir endlich keine Sorgen mehr. Nur eine Sorge habe ich noch: Wie soll ich die ganzen teuren Versicherungspolicen bezahlen?
Kurzkrimi 'Russ McGowan spielt den toten Mann' erschienen
Die Tommy-Gun-Reihe spielt im Chicago der 20er Jahre. Held der Geschichten ist der Privatdetektiv Russ McGowan.
Die Folge heißt ‚McGowan spielt den toten Mann'. Eine Leseprobe ist unter http://www.vph-ebooks.de/verlag/leseprobe.asp?idebook=827 zu finden.
Versprechen
Und wenn du kommst
und Zuflucht suchst,
wünsche ich sehr,
du findest ein Haus
aus festen Mauern gebaut,
überstehend die Stürme des Winters.
Ein Bett sollst du finden
gegen die Kälte in Frostnächten
und einen gedeckten Tisch
für den Hunger der Verfolgten.
Und findest du kein Haus,
so wirst du mich finden.
Und ist da kein Bett,
so reichte vielleicht meine Liebe,
dich zu wärmen als eine Decke aus Haut.
Und bliebe mein Tisch ungedeckt,
so teilte ich doch
den Hunger mit dir.


