Extremurlaub - Satire

Ich hatte in der Zeitung davon gelesen. Überlebenstraining in den Pyrenäen. Der Exremurlaub für richtige Männer. Ich meldete mich sofort an.
Wir waren fünf, als wir am ersten Tag unseren Reiseleiter kennenlernten. Er hieß Manfred und trug einen Bart. "Das wird ein Urlaub, den Sie nicht vergessen werden", sagte er und lächelte.
Am nächsten Tag marschierten wir los. Ohne Proviant und ohne Zelt. "Wir proben den Ernstfall", hatte uns Manfred versprochen. Nach zwei Stunden hatte ich Hunger. "Ich habe Hunger", sagte ich. Jetzt begann das Abenteuer. "Kein Problem", sagte Manfred. "Die Natur schenkt uns Nahrung im Übermaß." Er zum Beispiel bevorzuge Spinnen. Sehr proteinreich. Oder Regenwürmer. Regenwürmer seien ein geradezu ideales Gericht für den Extremurlauber.
Ich beschloss, mein Hungergefühl zu ignorieren. Doch abends war ich zu allem bereit. "Überwindung ist alles", sagte Manfred und verschlang einen Regenwurm. Ich schloss die Augen und machte es ihm nach. Das war der Anfang.
In den folgenden zwei Wochen lernte ich alles für den Ernstfall. Überleben unter den schwierigsten Bedingungen. Ob im Dschungel Brasiliens oder in den Straßen Kalkuttas. Ich lernte, welche Garderobe der Extremurlauber wählt, wenn er von Kannibalen zum Abendessen eingeladen wird. Oder wie man Piraten im chinesischen Meer anredet, die es auf Leben und Geld des Extremurlaubers abgesehen haben.
"Auf jeden Fall ganz ruhig bleiben", sagt Manfred. "Lächeln und keine Angst zeigen. Versuch die Sympathie deiner neuen Bekannten zu gewinnen." Zum Beispiel mit Zaubertricks. Das sei ganz einfach. Man brauche nichts weiter als einen Zylinder und ein Kaninchen. Ein kleines Zauberkunststückchen würde die Situation sofort entspannen.
Ich lernte, wie man die überraschende Begegnung mit einem Krokodil übersteht. Das könne überall passieren, sagte Manfred. Ob im tiefsten Dschungel oder in der Kanalisation von Los Angeles. Auch hier das Wichtigste: Keine Angst zeigen. Zauberkunststücke wären hier weniger zu empfehlen. Auf das Krokodil zugehen und lächeln. Wenn man nahe genug sei, dem Krokodil einfach das Maul zuhalten. Und dann mit einer Schnur zubinden. Das sei es schon. Wir schauten Manfred bewundernd an.
Nach zwei Wochen Extremurlaub fühlte ich mich jeder Situation gewachsen. Ich fuhr danach noch einige Tage nach Paris. Unglücklicherweise fiel ich Straßenräubern in die Hände. Über meinen Zaubertrick lachten sie nur und nahmen mir mein Kaninchen weg. Sie raubten mich völlig aus. Müde und hungrig irrte ich durch Paris. Und nirgends ein Regenwurm oder eine Spinne. Schwere Zeiten für den Extremurlauber.

 

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