Der Schiedsrichter
Mein Freund Hermann ist Schiedsrichter. Wenn andere sich am Wochenende zu Hause erholen, rennt er auf den Fußballplatz. Warum er das macht, kann er sich manchmal selbst nicht erklären. Denn Schiedsrichter zu sein, sagt Hermann, ist eines der schwersten Dinge überhaupt.
Dass er gut pfeift, halten alle für normal. Aber wehe, er macht einen Fehler. Dann toben die Zuschauer auf den Rängen. Manche sind auch nett und raten ihm, eine neue Brille zu kaufen. Aber die anderen würden ihn am liebsten in die Wüste schicken und nennen ihn Pfeifenheini oder Blödmann.
Aber das stört Hermann nicht. Denn für neunzig Minuten ist er auf der Fläche eines Fußballfeldes der unumschränkte Herrscher und so unfehlbar wie der Papst. Nur dass der Papst über alle Katholiken richtet. Der Hermann richtet nur über 22 Fußballspieler, die aber auch Katholiken sein können.
Was sind die wichtigsten Eigenschaften eines Schiedsrichters? Auf diese Frage zögert Hermann nicht eine Sekunde. Ruhe, Übersicht und Entscheidungsfreude. "Und", fügt Hermann hinzu. "Der Schiedsrichter darf auf keinen Fall farbenblind sein." Das wäre fatal.
Auf dem Spielfeld muss er eine Autorität sein. Wenn ein Spieler einen anderen beschimpft, an den Haaren zieht, sein Hemd aus der Hose hängen lässt oder sich in das Trikot seines Gegners schneuzt, muss der Schiedsrichter sofort eingreifen und für Ordnung sorgen. Weil Ordnung muss sein auf dem Fußballplatz.
"Wenn die Spieler alle anständige Burschen wären", seufzt Hermann, "wäre das ja kein Problem." Aber da gibt es ganz ausgekochte Profis, die ihm das Leben schwer machen. Am schlimmsten sind die Simulanten. Die fallen sofort um, wenn einer sie nur berührt. Dann wälzen sie sich am Boden und zeigen auf den Gegenspieler. Der wiederum macht ein Gesicht, als käme er gerade aus dem Priesterseminar. Wem soll da der Schiedsrichter glauben?
Andere Profis sind richtige Schlitzohren. Die sind immer ganz freundlich zum Schiedsrichter, tätscheln ihn an der Schulter, machen ihm Komplimente, wie gut ihm doch seine kurze Hose steht. Aber wenn der Schiedsrichter nur einmal nicht hinschaut, dann schieben sie, drängeln und kratzen. Und wenn der Schiedsrichter dann schimpft, spielen sie die Unschuld vom Lande.
Oder die Zeitschinder. Die schinden die Zeit, wo es nur geht. Passt der Schiedsrichter nicht auf, ist die Zeit weg wie nichts.
Warum aber nimmt einer wie Hermann das alles auf sich? Auf diese Frage lächelt er nur. "Schiedsrichter zu sein", sagt er, "ist eines der letzten Abenteuer. Ein Schiedsrichter erlebt Dinge, wofür andere auf den Himalaja steigen oder an den Amazonas fahren."
Wenn der Hermann in so einem Hexenkessel steht und Tausende von Zuschauern schreien und toben und wollen ihn am liebsten vierteilen oder hängen, dann weiß er, was echtes Abenteuer ist, dann genießt er das erregende Gefühl der Gefahr. Und deshalb, sagt der Hermann, treibt es ihn jedes Wochenende wieder auf den Fußballplatz.
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Daniel


