Der Torjäger

Das Schlimmste für einen Torjäger ist, wenn er zu denken anfängt. Steht er vor dem Tor und denkt, soll er jetzt links oder rechts oder dem Torwart durch die Beine, dann ist es schon zu spät. Dann hat der Torjäger ganz schnell eine Krise, hat eine Ladehemmung, weil das Denken so hemmt, dass er überhaupt nichts mehr trifft. Deshalb ist der denkende Torjäger eine Unmöglichkeit.

Man unterscheidet drei Arten von Torjägern: den Sturmtank, den spielenden Stürmer und den Torriecher. Der Sturmtank ist groß, breit und hat das Kreuz eines Jahrmarktringers. Auf den Schultern trägt er einen Eisenkopf. Der ist hart wie eine Kanonenkugel. Damit schraubt er sich hoch und wuchtet das Leder ins Netz.

Wirklich gefährlich ist der Sturmtank, wenn er freie Bahn hat und kriegt den Ball. Dann geht er ab, dann bricht er los, dann tankt er sich durch, dann ist er nicht mehr zu halten, und wehe es kommt ihm einer in die Quere, der Sturmtank reißt alles nieder, pflügt alles klein und haut drauf mit seinem Hammer, dass es nur so kracht.

Ein sehr fragwürdiger Typ ist der spielende Mittelstürmer. Manchmal vergisst er seine große Aufgabe. Dann spielt er nur noch. Alles schön anzusehen, hier eine raffinierte Körperdrehung, dort ein gekonnter Trick, aber wo bleibt der Torschuss? Und das nur, weil der spielende Mittelstürmer das einfache Toreschießen verachtet. Ein Tor, das er schießen kann, weil sein Gegenspieler zu blöd ist und nicht aufpasst, so ein Tor will er gar nicht, das sollen andere machen. Oder gar ein Abstauber. Da schüttelt es den spielenden Mittelstürmer. Aber ein raffinierter Doppelpass, ein Spielzug über fünf, sechs Stationen, da geht das Herz des spielenden Mittelstürmers auf, da ist er in seinem Element.

Ganz anders der Torriecher. Er kann kaum geradeaus laufen, auf dem Mannschaftsfoto glaubt man immer, er ist der Koch vom Team. Schnell ist er auch nicht, aber er hat einen Instinkt.

Die meiste Zeit bemerkt man den Torriecher gar nicht. Meistens steht er im gegnerischen Strafraum. Bewegen tut er sich nur, wenn ihn seine Gegenspieler mit der Abseitsfalle ärgern und er zurücklaufen muss. Sein Gegner tut alles, um den Torriecher zu zermürben. Er redet mit ihm, nennt ihn einen faulen Sack, und schämen müsst man sich, gegen so einen zu spielen, wo man nicht mal ins Schwitzen kommt.

Aber den Torriecher stört das nicht. Etwas Einschläferndes geht von ihm aus. Niemand nimmt ihn mehr wahr. Die Zuschauer fragen sich, ob er noch mitspielt, die Sportreporter glauben, dass man ihn ausgewechselt hat. 85 Minuten geht das schon, es steht immer noch 0:0. Und auf einmal ist der Torriecher da. Eben war er noch anderswo. Niemand weiß, wie er dahin gekommen ist, wo er jetzt ist und wo ihm der Ball vor die Füße fällt. Er hat keinen Trick gemacht, keine Körpertäuschung, es ist ein Rätsel, wie er das gemacht hat, aber jetzt ist er da und schiebt die Kugel rein.

Ganz einfach schaut das aus, jeder könnte das, aber nur der Torriecher ist eben da und macht's. Und später schreiben die Sportreporter wieder von diesem Instinkt, den keiner so hat und den man auch nicht lernen kann, weil den hat man oder hat man nicht.

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