Gute Manieren

Es war der Abend vor meinem ersten Arbeitstag. Meine Freundin überreichte mir ein kleines Büchlein. "Das richtige Benehmen in Beruf und Freizeit". Ich blickte sie fragend an. "Du willst doch Karriere machen", meinte sie. "Nur wer heutzutage weiß, wie man sich richtig benimmt, hat Erfolg im Beruf."

Später nahm ich das Buch zur Hand. Ich staunte. Es gab Dinge, die ich bisher nicht gewusst hatte. Instinktiv war mir immer klar gewesen, dass man nicht mit einer Badehose zum Kirchgottesdienst gehen sollte. Jetzt bekam ich die Bestätigung. So etwas verstieß einfach gegen den guten Ton.

Ich studierte das Buch mit großem Eifer und begann, danach zu leben. Ich kleidete mich immer passend zu jeder Gelegenheit. Ich lernte, dass beim Abendessen Krankengeschichten über meine Hämorrhoiden nicht das passende Tischgespräch waren und vermied es, mit einem abgenagten Knochen nach dem Kellner zu werfen, wenn ich zahlen wollte.

Mein Erfolg war überwältigend. Bald war ich ein gefragter Gast bei jedem festlichen Ereignis. Auch beruflich ging es aufwärts. Als in meiner Firma die Stelle des Abteilungsleiters frei wurde, sah ich meine Chance. "Wir suchen einen Mann, der sich in jedem gesellschaftlichen Umfeld wie zu Hause fühlt", sagte mein Chef Friedrich Kabunke und stellte mir den Posten in Aussicht.

Es gab nur einen, der mir meinen Aufstieg streitig machen konnte. Ernst Schmidthäuser, mein Rivale, der mit mir das Büro teilte.

Es kam der entscheidende Abend. Mein Chef Kabunke lud mich und Schmidthäuser zu einer kleinen Party ein. Anfangs lief alles bestens. Sogar peinliche Situationen meisterte ich souverän. Das verlegene Schweigen, als der Seniorchef der Firma seine dritten Zähne versehentlich in die Bowle fallen ließ, überbrückte ich mit einem kleinen Witz, so dass er sein Gebiss unbemerkt herausfischen konnte. Auch beim Essen sammelte ich Punkte. Schmidthäuser schlürfte seine Suppe wie ein Bauer, ich löffelte sie mit wahrer Eleganz. Schmidthäusers Rülpser während der Vorspeise fiel unangenehm auf, ich unterhielt meine Tischnachbarn mit kleinen, amüsanten Geschichten.

Doch dann folgte das Hauptgericht: Ungarischer Spieß. Schweißtropfen bildeten sich auf meiner Stirn. Der Umgang mit Spießen war mir schon immer ein Problem gewesen. Und dann passierte es: eine ungeschickte Bewegung, der Spieß rutschte mir vom Teller, ein Fleischstück flog über den Tisch mitten auf den Kopf von Kabunke. Ich verlor einen Moment die Fassung, griff nach dem Fleisch - und hielt Kabunkes Perücke an meiner Gabel. Die Blamage war perfekt.

Nach dieser Party meldete ich mich krank. Als ich in die Firma zurückkehrte, hatten sie Schmidthäuser zum Abteilungsleiter gemacht. Resigniert kündigte ich.

Heute sind mir gute Manieren in Fleisch und Blut übergegangen. Jeder Situation fühle ich mich gewachsen. Nur wenn ungarischer Fleischspieß auf den Tisch kommt, lege ich die Gabel beiseite und täusche eine leichte Magenverstimmung vor. Jeder hat nun mal seine Schwachstelle.

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