Papierkrieg

Albert wusste schon früh, was er werden wollte: Beamter. Alles, was mit Bürokratie zu tun hatte, zog ihn magisch an. Wir spielten Fußball und gingen auf Partys. Albert sammelte Formulare und Vordrucke. Eines Tages zeigte er mir ein gelbes Formular. "Was ist das?" fragte ich. "Das Formular Standard MX", sagte Albert. "Ich habe es entwickelt. Das ultimative Formular. Universell verwendbar, reißfest und wasserdicht. Ich gönnte Albert sein Hobby. Doch er wollte unbedingt, dass ich sein Formular ausfüllte. Als Testperson. Es kam zu einem heftigen Streit, als ich mich weigerte. Ich zerknüllte sein Formular und warf es ihm an den Kopf.

Nach der Schule verlor ich Albert aus den Augen. Eines Tages ging ich wegen wichtiger Angelegenheiten auf ein Amt. Ich betrat das Amtsbüro und vor mir saß Albert. Er lächelte. "Ich freue mich, dich zu sehen. Was machst du hier?" "Mein Führerschein", sagte ich. "Ich habe ihn verloren." "Kein Problem", sagte er. Er reichte mir ein Formular. "Du erinnerst dich vielleicht", sagte er. "Das Formular Standard MX." Ich wollte es ausfüllen. Aber als mir Albert erklärte, dass man mindestens drei Tage brauche, bis man mit dem Formular fertig sei, platzte mir der Kragen. Ich nannte Albert eine verstaubte Bürokratenseele. Dann verspeiste ich das Formular Standard MX vor seinen Augen. Es schmeckte nach Zitrone.

Viele Jahre mied ich Ämter. Dann benötigte ich eine wichtige Baugenehmigung. Der zuständige Beamte reichte mir ein gelbes Formular, das mir bekannt vorkam. Ich verlangte nach dem Vorgesetzten. Man führte mich in ein Zimmer. Dort saß Albert. Natürlich stritten wir uns wieder. Zum Schluss warf ich alle Formulare Standard MX aus dem Fenster und verließ wutentbrannt das Haus. "Irgendwann wirst du das Standard MX ausfüllen müssen", schrie mir Albert hinterher. "Niemand kommt daran vorbei."

Fünf Jahre später las ich in der Zeitung, dass Albert umgekommen war. Ein Antragsteller hatte ihn mit einem Packen Formulare erschlagen. Ich empfand keine Trauer bei Alberts Tod, nur eine große Erleichterung.

Ich lebte noch viele Jahre in Frieden. Dann starb ich. Nach meinem Tod kam ich an eine Tür, auf der "Himmel" stand. Kurz entschlossen trat ich ein. Ich erblickte ein weißes Zimmer und einen Schreibtisch. Dahinter saß Albert. "Ich habe dich erwartet", sagte er. "Was machst du hier?" fragte ich. "Man bat mich, die himmlische Verwaltung zu reformieren. Mit Hilfe meines Standard MX war mir das ein Leichtes." Er reichte mir das Formular. "Niemals", sagte ich. Albert ging zu einer Tür und öffnete sie einen Spalt. Es war der Eingang zur Hölle. Ich hörte Schreie, die mir durch Mark und Bein gingen. Wortlos nahm ich das Papier. Albert lächelte. "Ich habe es gewusst. Irgendwann muss jeder mein Standard MX ausfüllen."

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