Wie beneide ich sie
Wie beneide ich sie.
Die mit dem leichten Herzen.
Wie unbeschwert
ist ihr Schritt.
Mit lachendem Gesicht
nehmen sie Abschied.
Leicht fallen die Worte
und sie vergessen
so leicht
jedes Glück
und die Traurigkeit.
Leicht zu sterben.
Wie leicht?
Wie gerne wäre ich so.
Aber ich liebe die andern,
die das Schwere tragen.
Die Sternensucher,
die abstürzen vor dem Gipfel.
Sie wollen das Unbedingte.
Und noch der Tod hat es schwer,
ihr Leben zu entreißen.
Das schwere,
so geliebte.
Begegnungen
Die Straße glänzte nass im blassen Neonlicht,
Als ich sie sah, im Lärm der brüllenden Motoren
Stand sie und wartete, von Wind durchfroren,
Regentropfen liefen über ihr Gesicht
Und das berührte mich. In Tabakdunst und Rauch
In einer Bar mit Freunden traf ich sie, die mich
Nicht kannte, der ich auf sie sah gelegentlich.
Ein Lächeln war in ihrem Blick, so lächelte ich auch.
Wenn sie sich morgens regt und Müdigkeit
Sie noch bedeckt wie eine unsichtbare Hülle,
Ist sie unnahbar schön, so einzig ist die Weichheit
Ihrer Haut und unverwechselbar
Die Zärtlichkeit ihrer Berührung in der Stille,
Wenn Unschuld über allem ist, am frühen Tag.
Der Anfang
Da war Musik im Raum, Gelächter und Bewegung
Und Helligkeit und leicht die Worte, fast
Schwebend, einer Feder gleich, Gespräche ohne Hast
Und Rausch in jedem Lächeln, jeder Regung
Der Luft, erfüllt mit Tabak und Gerüchen.
So saßen wir zwei, du und ich,
Nicht achtend Zeit und Stunden, die verstrichen
Wie eingehüllt in einem Traum, wir waren nicht
Von diesem Ort, dem Zeitenlauf entrückt,
Nichts braucht die Liebe, nur den Augenblick.
Und lang schon war bedeutungslos, was Worte meinten.
Den Sinn verstand ich nicht, doch sprach der Klang
Von Hoffnung, Angst und Überschwang
Und Wunsch, dass wir uns ganz vereinten.
Süden über der Stadt
Süden über der Stadt.
Von weither weht ein heißer Wind,
bringt Gerüche und Staub.
Die Stadt erstickt,
dampft aus allen Poren,
schlägt dir Hitze um die Ohren
und Staub.
Süden über der Stadt.
Süden in meinen Gedanken,
Meditationen aus Licht.
Süden im Lidschlag des Adlers,
der den Himmel streift.
Es ist Zeit, dass ich gehe.
Der Süden schüttet sein Leben aus.
Es ist Zeit.
Papierkrieg
Albert wusste schon früh, was er werden wollte: Beamter. Alles, was mit Bürokratie zu tun hatte, zog ihn magisch an. Wir spielten Fußball und gingen auf Partys. Albert sammelte Formulare und Vordrucke. Eines Tages zeigte er mir ein gelbes Formular. "Was ist das?" fragte ich. "Das Formular Standard MX", sagte Albert. "Ich habe es entwickelt. Das ultimative Formular. Universell verwendbar, reißfest und wasserdicht. Ich gönnte Albert sein Hobby. Doch er wollte unbedingt, dass ich sein Formular ausfüllte. Als Testperson. Es kam zu einem heftigen Streit, als ich mich weigerte. Ich zerknüllte sein Formular und warf es ihm an den Kopf.
Nach der Schule verlor ich Albert aus den Augen. Eines Tages ging ich wegen wichtiger Angelegenheiten auf ein Amt. Ich betrat das Amtsbüro und vor mir saß Albert. Er lächelte. "Ich freue mich, dich zu sehen. Was machst du hier?" "Mein Führerschein", sagte ich. "Ich habe ihn verloren." "Kein Problem", sagte er. Er reichte mir ein Formular. "Du erinnerst dich vielleicht", sagte er. "Das Formular Standard MX." Ich wollte es ausfüllen. Aber als mir Albert erklärte, dass man mindestens drei Tage brauche, bis man mit dem Formular fertig sei, platzte mir der Kragen. Ich nannte Albert eine verstaubte Bürokratenseele. Dann verspeiste ich das Formular Standard MX vor seinen Augen. Es schmeckte nach Zitrone.
Viele Jahre mied ich Ämter. Dann benötigte ich eine wichtige Baugenehmigung. Der zuständige Beamte reichte mir ein gelbes Formular, das mir bekannt vorkam. Ich verlangte nach dem Vorgesetzten. Man führte mich in ein Zimmer. Dort saß Albert. Natürlich stritten wir uns wieder. Zum Schluss warf ich alle Formulare Standard MX aus dem Fenster und verließ wutentbrannt das Haus. "Irgendwann wirst du das Standard MX ausfüllen müssen", schrie mir Albert hinterher. "Niemand kommt daran vorbei."
Fünf Jahre später las ich in der Zeitung, dass Albert umgekommen war. Ein Antragsteller hatte ihn mit einem Packen Formulare erschlagen. Ich empfand keine Trauer bei Alberts Tod, nur eine große Erleichterung.
Ich lebte noch viele Jahre in Frieden. Dann starb ich. Nach meinem Tod kam ich an eine Tür, auf der "Himmel" stand. Kurz entschlossen trat ich ein. Ich erblickte ein weißes Zimmer und einen Schreibtisch. Dahinter saß Albert. "Ich habe dich erwartet", sagte er. "Was machst du hier?" fragte ich. "Man bat mich, die himmlische Verwaltung zu reformieren. Mit Hilfe meines Standard MX war mir das ein Leichtes." Er reichte mir das Formular. "Niemals", sagte ich. Albert ging zu einer Tür und öffnete sie einen Spalt. Es war der Eingang zur Hölle. Ich hörte Schreie, die mir durch Mark und Bein gingen. Wortlos nahm ich das Papier. Albert lächelte. "Ich habe es gewusst. Irgendwann muss jeder mein Standard MX ausfüllen."


