Liebessonett
Wenn dich auch oft mein eilig, ungestüm Begehren
verwirrt und gar am Ende zornig macht.
Und du dich meinen Worten, Küssen mußt erwehren,
da die Begierde neu in mir erwacht.
Sieh es mir nach, es ist die Ungeduld,
die fürchtet, Tage könnten mir wie Sand verrinnen.
Sieh es mir nach, denn sie allein hat Schuld,
dass meine Worte lüstern klingen.
Als wäre uns nicht ein Tag mehr gegeben
für unsere Liebe und um Liebe auch zu leben.
Mir ist ja nur,
als bliebe keine Zeit
für Zärtlichkeit
als diese nächste Stunde nur.
In Wortgetümmel und Geschrei
In der Frühe fängt es an.
Du bist noch müde vom Schlaf,
noch hängt ein Traum in deinen Gehirnwindungen fest.
Das Geplapper der Welt erwacht,
hüllt uns ein wie heiße Luft aus Nordafrika.
In all dem Wortgetümmel und Geschrei
such ich das Wort,
das eine,
das glüht
vor Schwere
und Bedeutung.
Ich such nach Dir,
dem Du im Wir.
In all dem Wortgetümmel und Geschrei
such ich die Melodie,
die eine,
die still in allen Tönen wohnt.
Ich such die Tat,
die Ketten sprengt,
und Wüsten Regen schenkt.
Ich such nach Dir,
dem Du im Wir.
Sag du das Wort.
Spiel du die Melodie.
Vollbring die Tat,
so dass
der Augenblick gelingt,
die Melodie erklingt,
das Wort gesprochen wird.
Positiv denken
Vor zwei Jahren begann meine Krise. Ich kam von der Arbeit heim und stellte fest, dass sich seit zehn Jahren nichts verändert hatte. Meine Wohnung war wie immer, das Essen war wie immer und auch das Fernsehprogramm war schlecht, wie immer.
Abends saß ich im Garten. Ich hörte mir die Nörgeleien meines Nachbarn Hermann an. Er schimpfte über die Politiker und die steigenden Preise. Das tat er jeden Abend. Mich überfiel eine tiefe Verzweiflung.
Ich ging in meine Stammkneipe. Dort traf ich meinen alten Schulfreund Ralf. Ich erzählte ihm alles. Ralf legte mir tröstend die Hand auf die Schulter.
"Du hast eine Krise", sagte er. "Das Wichtigste ist jetzt die richtige Einstellung."
Er empfahl mir das Buch "Glück und Erfolg durch positives Denken".
Ich kaufte das Buch und begann, positiv zu denken. Am Abend kam ich nach der Arbeit heim. Im Garten schimpfte Hermann auf die Ärzte. Er könne seine linke Hand vor Schmerzen kaum bewegen, aber kein Arzt würde ihm helfen.
"Du musst positiv denken", sagte ich zu Hermann. "Als Rechtshänder kannst du froh sein, dass es die linke Hand ist."
Hermann warf mir mit seiner rechten Hand eine Gartenschaufel an den Kopf.
Dann entdeckte ich in einer Buchhandlung den Ratgeber "Glück und Erfolg durch richtiges Atmen".
Ich kaufte das Buch und lernte das richtige Atmen. Ich war begeistert. Abends im Garten machte ich meine Atemübungen. Mein Nachbar Hermann schimpfte wieder auf die Politiker und die steigenden Preise.
"Du bist schlechter Stimmung, weil du nicht richtig atmest," sagte ich ihm. "Nur wer richtig atmet, erreicht Glück und Zufriedenheit."
In den folgenden Wochen erfuhr ich, dass richtiges Atmen und positives Denken nicht reichten. Ich entdeckte die kosmische Dimension der inneren Kraft.
Meine Schwester schenkte mir das Buch "Glück und Erfolg durch Meditation".
Ich atmete richtig, meditierte und dachte positiv. Ich hatte kaum noch Zeit, an meine Krise zu denken.
Hermann im Garten schimpfte immer noch über die Politiker und die steigenden Preise.
"Du sendest negative Impulse aus", sagte ich ihm. "Du musst meditieren."
Eines Tages kam ich nach Hause und etwas war anders. Hermann war verschwunden.
Ich schaltete den Fernseher ein. In einer Talkshow saß Hermann und schimpfte auf die Politiker und die steigenden Preise.
Hermann war berühmt geworden, erfuhr ich. Er hatte ein Buch geschrieben: "Das Anti-Ratgeber-Buch".
Das, was die Menschen unglücklich mache, schrieb Hermann, seien die klugen Ratschläge der anderen. Ruhe und inneren Frieden finde nur der, der niemals auf Ratgeber höre.
Vor allem nicht auf Nachbarn, die einem Wege zu Glück und Erfolg versprechen.
Unique Selling Point
Er war klein, hatte eine spitze Nase und trug einen perfekt sitzenden, schwarzen Anzug. Er lächelte, als er meinen kleinen Zeitungskiosk betrat. Er lächelte überhaupt immer.
Balthasar Schmidt von Consulting-Consulting, der größten Beraterfirma in Europa. Ich blickte misstrauisch auf seine Visitenkarte.
"Sie denken jetzt sicher," sagte er, "das ist wieder so eine Pappnase, die Ihnen etwas verkaufen will. Aber das Gegenteil ist der Fall. Ich will, dass Sie mehr verkaufen." Ich warf ihn hochkant aus dem Laden. Meine Aushilfe Kurt holte sich das vierte Bier aus dem Kühlschrank und sah stumm hinter ihm her.
Es kam eine Krise, es war Sommer, die Leute kauften weniger Zeitungen, ich war soweit. Als Balthasar Schmidt wieder in meinem Laden erschien, hörte ich mir seine Vorschläge an. „Optimierung der Arbeitsabläufe, ein neues Image und eine Zertifizierung. Das sind die Schritte auf dem Weg zum Erfolg."
„Ein neues Image?", fragte ich.
Schmidt lächelte wieder. "Was sind Sie eigentlich?" fragte er mich. Ich zuckte die Schultern: „Ein Kioskbesitzer."
„Oh nein", sagte Balthasar Schmidt. „Ab heute sind Sie ein Shop-Director und Ihre Aushilfe ist der Shop-Assistant."
"Shop-Assistant", wiederholte Kurt. "Das klingt super."
Von nun an hatten wir wöchentliche Teamsitzungen. Balthasar Schmidt hatte den Shop-Assistant Kurt zu einem Supervisor gemacht, der alle Arbeitsabläufe in unserem Kiosk genau notierte. Dies führte dazu, dass ich auch noch Kurts Arbeit machen musste.
Bei der nächsten Sitzung präsentierte uns Balthasar Schmidt die Ergebnisse des Supervisors Kurt.
„Der Knackpunkt", sagte Balthasar Schmidt, „liegt in der fehlenden Kundenbeziehung. Der unique selling point der Produkte wird überhaupt nicht deutlich."
Ich verstand nur Bahnhof.
„Was verkaufen Sie?", fragte mich Balthasar Schmidt. „Na ja", sagte ich. „Zeitungen und Zigaretten."
Balthasar Schmidt schüttelte den Kopf.
„Oh nein. Sie verkaufen Emotionen. Sie müssen dem Kunden deutlich machen, was für eine großartige Entscheidung er mit dem Kauf einer Zeitung trifft. Denn der Kunde kauft hier nicht nur eine Zeitung, er kauft eine Erfahrung, die sein Leben verändert."
Wenn ich jetzt einem Kunden die Zeitung überreichte, sagte ich einen kurzen Satz dazu: „Denken Sie daran, dieser Kauf kann Ihr Leben verändern." Manche Kunden blickten erschrocken auf die Zeitung. Andere sahen mich nur stumm an. Die Verkaufszahlen stagnierten.
„Der nächste Schritt", sagte Balthasar Schmidt, „ist eine Zertifizierung Ihres Ladens."
Für die Zertifizierung wurde ein Innovationskomitee eingerichtet, das aus Shop-Assistant Kurt bestand.
„Allein schaffe ich das nie", sagte Kurt. Er forderte einen Assistenten, einen Shop-Assistant-Assistant.
Ich sah Balthasar Schmidt fragend an. „Wenn Sie zertifiziert werden wollen, ist das wohl nötig", sagte er.
Als Shop-Assistant-Assistant stellte Kurt seine Freundin Manuela ein. Die erste Idee des Innovationskommitees war es, zwei Fragebögen zu entwerfen. Einen Fragebogen für die Kunden des Ladens. Und einen internen Fragebogen für die Shop-Assistants.
„Eine wunderbare Idee", sagte Balthasar Schmidt. „Diese Fragebögen werden die Zertifizierung sicher beschleunigen."
Ich drückte jedem, der in den Laden kam, einen Fragebogen in die Hand. Doch sobald ein Kunde bemerkte, das er fast zehn Seiten umfasste, legte er ihn wieder zur Seite. Andere täuschten Kopfschmerzen vor oder verließen fluchtartig den Laden. Nur der interne Fragebogen wurde von Shop-Assistant Kurt und Shop-Assistant-Assistant Manuela sorgfältig ausgefüllt.
Bei der Auswertung kam heraus, dass die beiden Shop-Assistants unter mangelnder Motivation litten. Ihnen fehlte die Anerkennung durch den Shop-Director.
Balthasar Schmidt wiegte bedenklich den Kopf. „Für eine Zertifizierung ist eine gute Motivation der Mitarbeiter unerlässlich."
Das Innovationskomitee hatte diesbezüglich sofort Vorschläge. Ich sollte doch öfters die Shop-Assistants mit lobenden Worten anspornen. Und eine Erhöhung ihrer Bezüge würde ihre Motivation sicher fördern.
Die beiden Shop-Assistants erhielten mehr Geld. Und ich versuchte, sie öfters zu loben.
„Gute Arbeit", sagte ich, wenn der Shop-Assistant Kurt sich das vierte Bier aus dem Kühlschrank holte.
Unsere unablässigen Bemühungen um Qualitätsverbesserungen zeigten endlich Erfolg. Eines Tages kam ein großer Umschlag mit der Post. Darin war die Urkunde, dass mein Kiosk der erste zertifizierte Newsshop der Stadt sei. Ich hängte die Zertifikatsurkunde sofort an der Eingangstür auf.
Seitdem sind Wochen vergangen. Die Situation in meinem Kiosk hat sich leider nicht verbessert. Kunden habe ich fast keine mehr. Einer meiner Freunde sagte mir, dass die meisten Angst vor dem Fragebogen hätten.
Meine Shop-Assistants kosten mich ein Heidengeld. Arbeiten für mich können sie jedoch nicht, da sie die ganze Zeit mit dem Innovationskomitee beschäftigt sind. Kürzlich musste ich sogar Schulden aufnehmen, um die horrende Rechnung von Consulting-Consulting zu bezahlen.
Aber als Balthasar Schmidt vor kurzem in meinem Kiosk auftauchte, meinte er, das seien nur Anfangsschwierigkeiten. Bald werde mein Newsshop glänzende Gewinne abwerfen.
„Denn Sie dürfen nie vergessen. Sie sind jetzt zertifiziert."
Drachensteigen
Und wenn der Drachen so hoch steigt
dass er hinter den Wolken verschwindet
bis er nicht mehr zu erkennen ist.
Und wenn der Drachen immer noch steigt
Auch wenn es Nacht ist und Morgen
Und wieder Nacht und die Tage vergehen
Und ein anderer da steht
Und die Schnur weiter aufrollt.
Und wenn der Drachen die Atmosphäre verlässt und anstößt
An den Rand der Galaxie und in einen Sternennebel eintaucht
Und ein Stern wird unter Milliarden anderer Sterne
Und der Junge am anderen Ende der Drachenschnur
Nicht mehr ein Junge ist
Sondern eine Idee am Anfang eines Gedichts
die wie ein Drachen ist
der immer höher steigt.
Die Geliebte
Die Leichtigkeit, wie sie sich ganz entblößt,
Als trüge unter ihr der Boden kein Gewicht,
Als wäre sie allein im Raum, als wäre nicht
Mein Blick. Wie sie die Halter ihrer Strümpfe löst
Und achtlos fallen lässt. Der Zug um ihren Mund,
Wenn sie mich ansieht, der ich mich nach ihr verzehre.
Ihr Lächeln nimmt dem Augenblick die Schwere,
Als gäbe ihre Blöße keinen Grund
Für die Erregung meiner Sinne.
Und der Moment, wenn sie dann endlich
Sich zu mir neigt und legt sich neben mich.
Die Weichheit, die Verhaltenheit in ihrer Stimme,
Als wäre sie erschrocken über ihre Lust,
Als wäre sie sich ihrer Nacktheit kaum bewusst.
Fachmännische Arbeit
Die Handwerker kamen kurz nach Mittag. Der eine war groß und dünn, der andere klein und dick.
"Es ist nur das Licht", sagte ich. "Es funktioniert nicht. Aber an der Glühbirne kann es nicht liegen, die ist neu."
Der Dicke betätigte den Lichtschalter. Nichts. Er kratzte sich am Hinterkopf. "Schwierige Sache", sagte er
"Sehr schwierig", wiederholte der Dünne. Dann ging der Dünne zum Schalter und drückte darauf. Nichts.
"Schwierige Sache", sagte er. "Sehr schwierig", wiederholte der Dicke. Ich wurde ein wenig unruhig.
"Mein Schwager hat gesagt, es wäre wahrscheinlich nur ein kleines Kabel", sagte ich. Der Dicke sah mich an.
"Scheint ja ein richtiger Fachmann zu sein, Ihr Schwager."
Er wandte sich an seinen Kollegen. "Das hatten wir doch schon mal, dass da so ein Schwager rumgestümpert hat", meinte er.
Der Dünne nickte. "War das eine Explosion", sagte er.
"Das Haus ist explodiert?", fragte ich erschrocken.
"Das Haus nicht", sagte der Dicke. "Der Schwager."
Er nahm seine Tasche. "Ja", sagte er. "Da kann ja auch Ihr Schwager kommen und das reparieren."
"Aber ich bitte Sie", sagte ich. "Mein Schwager hat sicher unrecht. Er ist ja auch kein Fachmann."
Die beiden sahen sich kurz an. Dann stellte der Dicke seine Tasche wieder ab.
"Die Sicherungskästen sind im Keller", sagte ich.
Der Dicke ging kurz nach unten, kam dann wieder zurück. Er schüttelte den Kopf.
"Und?", fragte ich. "Wir müssen wahrscheinlich die Wand durchbrechen", sagte der Dicke.
"Die Wand?" Ich wurde bleich. "Ja, wollen Sie jetzt eine fachmännische Arbeit?", fragte er.
"Oder soll doch lieber Ihr Schwager?", ergänzte der Dünne.
"Aber nein", sagte ich. "Wenn es unbedingt nötig ist."
Sie gingen in den Keller. Nach einer halben Stunde hörte ich einen lauten Krach.
"Was ist?", schrie ich nach unten. "Schwierige Sache", hörte ich eine Stimme. "Sehr schwierig", ergänzte eine zweite Stimme.
Dann explodierte etwas. Der Boden unter meinen Füßen erzitterte. Die Wand zur Küche krachte zusammen.
Der Dicke kam aus den Trümmern heraus. Er klopfte sich den Staub ab.
"Sie hatten Glück", sagte er. "Es war nur ein kleines Kabel."
Jetzt kam auch der andere. Er ging zum Schalter und betätigte ihn. Das Licht brannte. Er lächelte mich zufrieden an.
"Sehen Sie, das ist fachmännische Arbeit", sagte er.
Sie packten ihre Sachen. "Die Rechnung schicken wir Ihnen", sagte der Dünne noch. Dann gingen sie.
Das neue Image
Der Weihnachtsmann hatte ein ungutes Gefühl, als er aus dem Fahrstuhl stieg.
Ein neues Image für den Weihnachtsmann. Was hatten die da oben bloß wieder für Einfälle.
"Sehen Sie, „ sagte Jan Kampschulte bei der Begrüßung, "so wie Sie aussehen. Das ist das Problem."
Jan Kampschulte wirkte jung und dynamisch. Der Weihnachtsmann sah ratlos an sich herunter.
"Ein Kerl in einem alten, mottenzerfressenen roten Mantel mit einem Rauschebart", meinte Kampschulte. "Das ist völlig out. Ich stelle mir da etwas ganz anderes vor."
Der Weihnachtsmann blickte auf die Zeichnung, die Kampschulte auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Da stand er, der neue Weihnachtsmann, rasiert, mit einem modernen Kurzhaarschnitt in einem knallengen roten Kostüm.
"Sie haben doch eine prächtige Figur." Kampschulte schlug den Weihnachtsmann leicht gegen die Brust. "Was für ein Brustkasten. Das wollen wir nicht länger hinter einem hässlichen Mantel verstecken."
Der Weihnachtsmann überlegte. Ja, er hatte wirklich ziemliche Muskeln. Das viele Säckeschleppen und die anstrengenden Schlittenfahrten, da setzte man nicht so schnell an. Er war nicht eitel, das nicht. Aber eine schlechte Figur würde er in dem engen Kostüm sicher nicht abgeben.
"Und dazu das passende Fahrzeug." Kampschulte breitete eine zweite Zeichnung vor dem Weihnachtsmann aus. "Das Nikolausmobil".
"Ihr alter Schlitten mit den Rentieren", lächelte Kampschulte. "Das ist doch nicht mehr zeitgemäß."
Der Weihnachtsmann beugte sich über die Zeichnung. Kampschulte stand neben ihm.
"250 PS. In drei Sekunden sind Sie von von 0 auf 100 km/h", flüsterte er ehrfürchtig. "Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie fahren, nein Sie flitzen mit ihrem Nikolausmobil durch die Winterlandschaft und neben Ihnen eine attraktive, junge Dame in engem Minirock und schwarzen Netzstrümpfen."
Der Weihnachtsmann sah erstaunt auf. "Welche junge Dame?" "Na, das Christkind bekommt natürlich auch ein neues Image", meinte Kampschulte, "mehr Sexappeal, ein kurzer Minirock, ein engansitzendes Kostüm. Sie werden ein prächtiges Paar abgeben."
Der Weihnachtsmann stellte sich das Christkind in einem kurzen Minirock vor. Die Idee begann ihm zu gefallen. Sie gefiel ihm sogar sehr gut.
"Was glauben Sie", meinte Kampschulte, "was Sie dieses Jahr für einen Erfolg bei den Kindern haben. Niemand wird Sie mehr einen Weihnachtsgrufti nennen oder einen alten Tattergreis. Sie werden der Star des Jahres sein."
Der Weihnachtsmann blickte nachdenklich auf die Zeichnung. Das hörte sich gut an, was Kampschulte sagte, sehr gut hörte sich das an. Kampschulte lächelte, als er das zufriedene Gesicht des Weihnachtsmannes sah. Dann ging er zurück zu seinem Schreibtisch. Er hinkte leicht.
Irgendwo, dachte der Weihnachtsmann, ist bei der ganzen Geschichte noch ein Pferdefuß. Er wusste nur noch nicht, wo.
Eine deutsche Märchenehe
Es war einmal ein wohlhabender Mann mit Namen Hartmut. Er besaß ein Grundstück mit einem Haus, eine Kreditkarte, einen Geländewagen und ein Ferienhaus in Österreich. Im Osten grenzte an sein Grundstück ein Häuschen mit einem kleinen Garten, das von einer Frau mit Namen Martha bewohnt wurde.
Hartmut liebte diese Frau und ihr Häuschen mit Garten und er warb schon seit Jahren vergeblich um sie. Immer hatte sie sich ihm verweigert, doch an einem Tag im November, als Hartmut schon nicht mehr daran glaubte, fiel eine Mauer zwischen ihnen und Martha willigte in die Heirat ein.
Hartmut war überglücklich. Endlich wuchs zusammen, was schon lange zusammen gehörte. „Wir sind eins", rief er in ihren Armen und sprach jenen verhängnisvollen Satz, für den er sich noch heute am liebsten die Zunge abbeißen würde. „In nichts", sagte er zu Martha, „soll es dir schlechter gehen als vorher, aber in vielen Dingen besser." Und er versprach Martha ein Leben in Glück und Zufriedenheit, mit einer Kreditkarte, einem Geländewagen und einem Ferienhaus in Österreich.
Doch schon bald fielen dunkle Schatten auf das junge Eheglück. Hartmut kamen merkwürdige Dinge aus Marthas Vorleben zu Ohren. Käuflich und leichtlebig sei sie gewesen, so hieß es, und sie hätte außerdem mit zwielichtigen Herren verkehrt, mit Devisenschmugglern, Agenten, Ministerpräsidenten und Mafiosi.
Hartmut wurde schmerzlich bewusst, dass er eine Frau mit Vergangenheit geheiratet hatte. Mehr und mehr wuchs in ihm der Verdacht, dass es vor allem seine Kreditkarte, sein Geländewagen und sein Ferienhaus in Österreich gewesen wären, die sie zu dieser Heirat bewogen hatten. Auch andere Erwartungen Hartmuts wurden enttäuscht. Martha war keine Schönheit gewesen, als Hartmut sie geheiratet hatte Doch er hatte gehofft, dass sie sich mit Hilfe seiner Kreditkarte wandeln würde, dass eine blühende Landschaft entstehen würde, wo vorher graues Einerlei war.
Aber Martha entwickelte sich zu einer nörgelnden Ehefrau mit Migräne, die immer wieder davon sprach, dass es ihr früher gar nicht so schlecht gegangen sei, wo sie zwar keine Kreditkarte besessen hatte, sie aber in Ruhe und Sicherheit gelebt hatte, ohne diesen Stress und die Anforderungen, die die neuen Lebensumstände an sie stellten.
Hartmut fand, dass sie sich gehen ließ. Sie feierte wahre Konsumorgien, wurde dick und unansehnlich. Verschwendungssucht und Undankbarkeit stellte Hartmut bei ihr fest und manchmal war ihm, als blickte er in seelische Abgründe.
„Wer ist diese Frau?", pflegte Hartmut seinen Finanzberater zu fragen. „Ich bin jetzt so viele Jahre mit ihr verheiratet und kenne sie nicht."
Er dachte öfters daran, ob diese Ehe nicht ein Fehler gewesen war, und ob sein Bekannter Oskar nicht Recht gehabt hatte, der vor einer schnellen und überstürzten Verbindung gewarnt hatte. Von Monat zu Monat blickte Hartmut mit einem unbehaglichen Gefühl auf seinen Kontostand, und manchmal hatte er Träume, schreckliche Träume, in dem er sich arm und abgerissen sah und er bei Freunden um Benzin für seinen Geländewagen bitten musste.
Auch Martha hatte sich die Ehe anders vorgestellt. Ihr war es gegangen wie so vielen jungen Frauen. Sie hatte einen großmäuligen Frosch geheiratet in der Hoffnung, dass er sich nach der Heirat in einen wunderschönen Märchenprinzen verwandeln würde.
Ja, Hartmut hatte sich nach der Ehe wirklich verwandelt, nur war er eine noch hässlichere fette Kröte geworden, die selbstzufrieden zu Hause auf dem Sofa saß und immer noch so tat, als wäre er ihr Retter und Erlöser. Am schlimmsten jedoch war seine Besserwisserei. Überall glaubte er, sie bevormunden zu können und behandelte sie wie ein kleines Kind.
Aber weil dies ein deutsches Märchen ist, können sie sich nicht scheiden lassen. Und müssen zusammenleben, bis sie gestorben sind. Mit Kreditkarte, mit einem Geländewagen und einem Ferienhaus in Österreich.
Unvermuteter Hausbesuch
Letzte Woche besuchte mich mein Abgeordneter. Nachdem er in meinem Wohnzimmer Platz genommen hatte, kam er gleich zur Sache. "Nach den letzten Wahlen", erklärte er mir, "haben wir Politiker uns überlegt, dass wir vielleicht wieder den Kontakt zu gewöhnlichen Leuten suchen sollten, dass wir mal einen Hausbesuch machen könnten".
"Hausbesuch?" fragte ich verwirrt. "Ja", antwortete der Abgeordnete. "Ich, Ihr Abgeordneter komme in Ihr Haus, um zu sehen, was für Probleme Sie haben und wo wir Politiker helfen können."
Ich schaute ihn sprachlos an. "Nun und", forderte mich der Abgeordnete auf, "wo fehlt's denn, wo drückt der Schuh?" Er lächelte mir aufmunternd zu.
"Tja", begann ich vorsichtig. "Es ist einfach alles so teuer". Der Abgeordnete schlug sich auf die Schenkel. "Wem sagen Sie das", meinte er. "Es ist wirklich unverschämt, was man heute bezahlen muß, unverschämt, sage ich."
"Ja", fuhr ich fort. "Es wäre ja nicht so schlimm, wenn man auch mehr Lohn kriegen würde." "Genau meine Rede", nickte der Abgeordnete. "Das ist das, was ich seit Jahren sage. Man muss mehr verdienen. Unbedingt."
"Das Problem ist," versuchte ich es nochmal, "dass die Steuer alles auffrisst."
"Da geb ich Ihnen völlig recht," unterbrach er mich. "Man bräuchte ein einfacheres, gerechtes Steuersystem. Aber es ist so schwer, das den Leuten begreiflich zu machen."
"Ja, aber ..." sagte ich. Doch der Abgeordnete ließ mich nicht ausreden. "Das freut mich, dass Sie so frei Ihre Meinung sagen," lächelte er. "Geben Sie uns ruhig ein bisschen Feuer unterm Hintern, uns Politikern. Das schadet uns gar nichts". Ich beschloß, jetzt ganz ehrlich zu sein. "Es ist auch so, dass niemand mehr einem Politiker traut. Weil Sie lügen. Heute sagen Sie das, morgen das." Ich stockte erschrocken. Der Abgeordnete machte ein bekümmertes Gesicht. War ich zu weit gegangen?
Er schwieg lange. "Sehen Sie," sagte er dann, "ich könnte mir auch ein schönes Leben machen, aber die Pflicht! Der einfache Bürger weiß ja gar nicht, was es heißt, Abgeordneter zu sein. Der sieht im Fernsehen, wie der Abgeordnete gerade mit dem Dienstwagen einen Urlaub macht, und der Bürger denkt, der Abgeordnete lebt wie Gott in Frankreich. Aber dass wir uns aufopfern für den Staat, das sieht niemand. Und was ist der Lohn? Die Leute achten den Politiker nicht. Das ist der Lohn."
Er lehnte sich erschöpft zurück. Verstohlen wischte er sich eine Träne aus dem Gesicht. Es dauerte eine Stunde, bis ich meinen Abgeordneten wieder aufgerichtet hatte. Danach stand er auf, um sich zu verabschieden. Plötzlich grinste er und boxte mir freundschaftlich an die Schulter. "Sie haben es mir ja gegeben," meinte er. "Richtig erfrischend war das. Ganz schön Dampf haben Sie mir gemacht, aber gut so, weiter so. Uns Politikern schadet das gar nichts." Dass wir so ein nettes Schwätzchen bald wieder mal halten müßten, hat er noch gemeint, und dann war er schon wieder weg.


